Welttorhüter Jean Danneberg im Interview
Danneberg: "Ich bin unglaublich stolz, in einer Mannschaft zu spielen, die mir den Raum schafft, mich so zu entwickeln und in den entscheidenden Momenten meine Leistung zu bringen."
17. May 2026
Im Interview spricht Jean Danneberg über den Welttorhütertitel, seine Kindheitshelden und wie er Torhüter wurde.
Das Ende der Bundesliga steht bevor. Das nächste Großereignis mit der Nationalmannschaft, sind die kommenden Pro League Spiele in Berlin vor heimischem Publikum. Wie hast du die PL in Berlin letztes Jahr mit dieser Kulisse erlebt?
Die Pro League in Berlin war echt ein Fest, eine geile Erfahrung und toll, in dieser schönen Atmosphäre und vor vollem Haus zu spielen. Außerdem war die Stage top organisiert, das haben auch wir Spieler gespürt. Es warten wie im letzten Jahr wieder sehr spannende Begegnungen mit Top-Gegnern in Berlin auf uns und der Zeitpunkt der Pro League-Stage passt auch sehr gut in unseren Jahresplan, denn wir stehen kurz vor dem Highlight des Jahres, der Weltmeisterschaft. In der Vorbereitung können wir nochmal richtig als Mannschaft zusammenwachsen und hoffentlich in Berlin zeigen, wozu wir in der Lage sind. Auch wollen wir dort den Vergleich ziehen, wo wir international momentan stehen. Das Ganze in Deutschland, in der Hauptstadt vor so vielen hockeyverrückten Menschen erleben zu dürfen, ist richtig, richtig schön und ich freue mich darauf, dieses Jahr wieder nach Berlin zu fahren.
Du hast die WM bereits angesprochen. Wie sehr spielt sie schon eine Rolle in deinem Hinterkopf?
Aktuell liegt der Fokus noch ein bisschen mehr auf der Bundesliga und meinem Verein, Rot-Weiss Köln, aber die Weltmeisterschaft spielt im Hintergrund schon eine Rolle. Es ist das größte Hockeyturnier der Welt und als Titelverteidiger haben wir Ambitionen diese WM erfolgreich zu gestalten. Wir treten zwar durch die vielen Veränderungen im Kader mit einer komplett veränderten Mannschaft an. Dennoch habe ich in den letzten Monaten gemerkt wie viel Potenzial in dieser Mannschaft steckt. Ich bin dementsprechend sehr guter Dinge, dass wir zum richtigen Zeitpunkt auch das Tempo anziehen können und uns Richtung Weltmeisterschaft noch besser fokussieren werden. Ich verspüre auch so ein ständiges Kribbeln, wenn ich an dieses Jahr denke.
Wenn wir auf den WM-Titel 2023 zurückblicken, wie präsent ist der entscheidende Penalty in deiner Erinnerung?
Es ist für mich etwas ganz Besonderes, Spiele auf diese Weise entscheiden zu können, vor allem, weil ich in dem Moment gar nicht realisiere, was passiert ist. In meinem Kopf stehe ich einfach auf dem Hockeyplatz bei einem normalen Hockeyspiel, das wir gewonnen haben. Aber in dem Moment, wo ich schon anfange, mich zu freuen, fängt mein Kopf an zu arbeiten und ich verspüre dieses Kribbeln. Dann setzte die Realität ein, dass wir etwas ganz Großes erreicht haben. Für mich nochmal umso besonderer, weil das mein erstes Turnier mit den HONAMAS war und ich auch noch ziemlich jung war. Das Spiel dann auch noch im Penalty-Shootout zu gewinnen, ist unbeschreiblich. Ich habe mich unglaublich gefreut in diesem Moment und kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke, wie die Jungs auf mich zugelaufen kamen und wie wir uns weinend in den Arm lagen.
Was hat euch damals deiner Meinung nach durch dieses WM-Turnier 2023 mit vielen Wendungen getragen und was davon kann euch bei der diesjährigen WM-Ausgabe helfen?
Es waren zwei Dinge, die uns ganz besonders durch dieses Turnier getragen haben. Zum einen der ganz große Hunger mal wieder ein Turnier zu gewinnen und erfolgreich zu sein. Wir hatten mit der deutschen Nationalmannschaft einige titellose Jahre hinter uns, obwohl wir dennoch gut abgeschnitten haben im internationalen Vergleich. Der oder die Titel haben jedoch gefehlt und dadurch hatte sich über die Jahre ein ganz besonderer Hunger entwickelt. Es hat sich ein Mindset entwickelt, dass wir eine einmalige Chance haben, mit einer sehr reifen und sehr starken Mannschaft etwas Großes zu bewegen und zu erreichen. In Kombination mit unserem neuen Staff, der uns viel Vertrauen entgegengebracht hat und vor allem dafür gesorgt hat, dass wir uns frei entwickeln konnten, hat dafür gesorgt, dass wir in einen sehr guten Flow gekommen sind.
Wenn ich auf die kommende Weltmeisterschaft und auch zukünftige (inter-)kontinentale Turniere schaue, sehe ich genauso wie damals eine Mannschaft, die sehr hungrig auf Titel ist. Viele Spieler, die bei uns neu dazugekommen sind, haben international noch keine derartigen großen Erfolge gefeiert.
Wir haben als Mannschaft aber das Potenzial, wieder in einen ähnlichen Flow, den Turnier-Flow zu kommen. Das könnte uns auch dieses Mal wieder helfen.
Du hast schon gegen viele großartige Stürmer verteidigt, aber hat Training mit Niklas Wellen zum Beispiel besser gemacht?
Ja, absolut. Du wusstest als Torhüter, so bald Niklas bei einer Torschussübung oder bei einer Spielform im Kreis war, sehr wahrscheinlich ein Ball auf das Tor kommen wird und dass dieser auch sehr hart, sehr genau und sehr unangenehm zu halten sein würde. Aber für mich war das eine großartige Chance, mit dem meiner Meinung nach besten Spieler der Welt zu trainieren. Das hat mich auf jeden Fall besser gemacht und dafür bin ich sehr dankbar.
Zum Glück haben wir diese Qualitäten jetzt auch in der neuen Mannschaft, mit tollen Einzelspielern mit unglaublich hohem Potenzial. Damit können wir auf einem hohen Niveau trainieren und uns stetig verbessern.
Wo steht ihr aus deiner Sicht aktuell im internationalen Vergleich?
Wir tun uns bekanntlich in der Pro League immer ein bisschen schwer und schneiden in dem Wettbewerb tendenziell schlechter ab, als wir bei den Turnieren abschneiden. Gleichzeitig wissen wir aber genau, was wir können. Die Frage ist aber immer, wie konstant kannst du so nah wie möglich an diesem Limit dran sein?
Das herauszufinden fällt uns in der Pro League aktuell schwer, um in dem Format konstanter zu spielen. Da sind uns andere Nationen ein Ticken weiter voraus. Auf der anderen Seite können wir mit Selbstvertrauen in die WM gehen, weil wir wissen, dass wir eine Turniermannschaft sind und zur Höchstform auflaufen können.
Du hast gerade die zwischenzeitliche Titel-Durststrecke der HONAMAS vor 2023 beschrieben. Spürt man die Erwartungshaltung bereits in der U-Nationalmannschaften? Wie bist du damit über deine Karriere hinweg umgegangen?
Wir haben uns in der U-Nationalmannschaft nicht viel verglichen mit den anderen Nationen. Dementsprechend würde ich nicht sagen, dass wir Druck verspürt haben. Dennoch wächst du als Nationalspieler damit auf, dass Deutschland jedes Mal die Chance hat, ein Turnier zu gewinnen und wir auf jeden Fall nicht in der Gruppenphase schon rausfliegen sollten. Ab den K.o.-Spielen ist alles offen und ich habe das immer isoliert betrachtet. Ich habe auf die Mannschaft geschaut und evaluiert, was wir können und wo wir stehen. Ich hatte auch das Glück mit vielen Jungs, die jetzt auch bei den HONAMAS dazugekommen sind oder noch dazukommen werden, schon in der Jugend-Nationalmannschaft zu spielen und wir haben diese Erwartungshaltung zusammen versucht einzuordnen.
Das Jahr 2025 war für Dich persönlich ein sehr erfolgreiches Jahr. In einem Interview vor zwei Jahren hast du gesagt, dass neben den Titeln, die Du schon gewonnen hast, ein persönlicher Titel schön wäre und jetzt bist du von der FIH zum Welttorhüter des Jahres 2025 gekürt worden.
Wie hast du von dieser Nachricht erfahren und kannst du deine Emotionen beschreiben bzw. wie beflügelt bist du von diesem Titel und diesem unglaublichen Jahr?
Vor einem Jahreshighlight setze ich mir zwei Ziele. Das erste Ziel ist der Erfolg mit der Mannschaft und das zweite Ziel der individuelle Erfolg. Als Torhüter werde ich immer an Gegentoren gemessen oder an Saves in den entscheidenden Momenten. Das Jahreshighlight 2025, die Europameisterschaft in Mönchengladbach, war ein schweres Turnier für mich als Torhüter, weil ich sehr viele Ecken aufs Tor bekommen habe. Es waren Achterbahnfahrt-Spiele wie gegen Frankreich dabei. Entsprechend war es eine Herausforderung für mich in diesem Turnier eine Resilienz aufzubauen. Umso schöner war die Auszeichnung zum Spieler des Spiels im EM-Finale für mich.
An den Welttorhütertitel habe ich erst gedacht, als die Nominierung rauskam. Dabei bin ich in meine Reflexion gegangen, ob denn die Leistungen, die ich dieses Jahr gezeigt habe, reichen würden, um in den Top 5 oder Top 3 zu landen. Das hat zum Glück geklappt.
Zu dem Zeitpunkt der Verkündung waren wir beim Lehrgang in Südafrika und meine Teamkollegen haben mir die Nervosität schon angemerkt. Ich war sehr aufgeregt und sehr nervös. Bei den Trainings habe ich mich oft umgeschaut, ob da jemand von der FIH am Seitenrand steht mit der Hoffnung, dass es klappt.
Zwei Tage nach dem Ende des Votings habe ich schon gedacht, dass es doch nicht gereicht hat. Als ich mich an diesem Tag warm machen und umziehen gehen wollte, kam der Pasha (Anm. d. Red.: Co-Trainer Pasha Gademann) zu mir und sagte mir, wir würden draußen eine kurze Besprechung abhalten. Die Besprechung begann ganz normal mit dem Inhalt, was wir uns für das Training vornehmen. Dann kam Chrissi (Anm. d. Red.: Mitspieler Christopher Rühr) zu Wort und fing an über mich mit lobenden Worten zu sprechen. Da dachte ich mir, dass er das macht, weil ich es nicht geworden bin, um zu zeigen, dass die Mannschaft hinter mir steht. Dann hat er aber vor der Mannschaft verkündet, dass ich Welttorhüter geworden bin. Daraus ziehe ich viel Energie und es ist etwas, was mir keiner nehmen kann.
Ich bin aber schon auf das nächste Ziel fokussiert und unglaublich stolz in einer Mannschaft zu spielen, die mir diesen Raum geschaffen hat, mich zu entwickeln, Fehler zu machen und gleichzeitig meine beste Leistung abzurufen in den entscheidenden Momenten., Deshalb hat die Mannschaft auch einen großen Anteil, dass mir diese Ehrung zuteilgeworden ist. Da hat einfach alles zusammengepasst.
U21-Nationaltorhüter Jasper Ditzer hatte im Interview die Leistung von eurem gemeinsamen Torwarttrainer Jimmy Lewis in Bezug auf die Penalty Shootouts gewürdigt. Wie groß ist der Faktor von Jimmys Arbeit bei dir gewesen? Wie sieht deine Vorbereitung auf Shootouts aus?
Jimmy ist ein unglaublicher Trainer und es ist krass, was er für eine Leistung mit uns auf den Platz bringt. Jimmy ist jemand, der sehr detailliert und kritisch in der Nachanalyse ist. Ich hatte schon Spiele, in denen ich zu null gehalten habe, alles sehr gut lief und selbst der kritischste Mensch der Welt sagen würde, dass ich alles richtig gemacht habe. Er würde dennoch zwei, drei Kritikpunkte finden. Somit pusht er uns zu neuen Höchstleistungen. Das Ganze ist auch noch gepaart mit seiner sehr authentischen Art, die jeder, der schon mal mit ihm zusammengearbeitet hat, sehr gut kennt.
Dieser Mix lässt uns und generell die deutsche Torwartschule herausstechen. Der Werkzeugkasten, den er uns in der Torwartschule an die Hand gegeben hat, ist herausragend und er geht auch sehr auf unsere individuellen Stärken ein. Die Arbeit mit ihm ist eine 10 von 10 und ich schätze mich sehr glücklich ihn als Torwarttrainer zu haben.
Zu der Frage wie ich mich auf ein Penalty-Shootout vorbereite, kann ich nur sagen, dass ich viel Zeit in die Analyse stecke, sowohl der Gegner als auch von mir.
Ab wann kannst du eigentlich absehen, was der Gegner macht?
Sehr, sehr spät. Meistens versuche ich aber auch nicht abzuwarten, was der Gegner macht, sondern zu gucken, wie der Gegner auf mich reagiert. Ich probiere bei einem Penalty Shootout den Takt vorzugeben mit verschiedenen Variablen, die man aufnehmen kann. Das klingt jetzt nicht sehr verständlich, zumal ich nicht den Ball habe und man denkt, der Schütze gibt doch den Takt in der Regel vor.
Das Ziel eines Torhüters sollte es aber sein, die Oberhand zu behalten. So gelingt es mir oft sehr gut einzuschätzen, was passieren wird bzw. was der Schütze als Nächstes macht. Ich zähle zum Beispiel auch im Kopf unterbewusst mit, so kann ich ganz gut einschätzen, wann der Moment gekommen ist, dass der Schütze den Ball aufs Tor bringen muss.
Bemerkenswert ist auch wie aktiv du mit dem Schläger bei den Penaltys arbeitest und es dir immer wieder gelingt den Schützen vom Ball zu trennen. Wie häufig musste das in der Übung schiefgehen, sodass es dir jetzt immer wieder gelingt, den Ball wegzuspitzen?
Jedes zweite oder dritte Mal läuft es nicht gut, was aber daran liegt, dass dort viele Faktoren eine Rolle spielen. Das, was wir als Torhüter am besten beeinflussen können, ist unser individuelles Timing. In diesem Fall zu entscheiden, wann wir tatsächlich mit dem Schläger reingehen. Ich bin auch der Meinung, wenn nach einem Schlägerfoul ein Siebenmeter gegen mich gepfiffen wird, ist das keine Niederlage. Es ist kein Gegentor, sondern eine neue Chance ein Tor zu verhindern.
Der psychologische Effekt auf die Folgeschützen, wenn sie sehen, dass denen ein Torhüter gegenübersteht, der aggressiv auf die Balleroberung geht, ist nicht zu unterschätzen. Es ist egal, ob ich den Schützen jedes Mal vom Ball getrennt bekomme. Im späteren Verlauf des Shootouts kann das aber auf jeden Fall einen Einfluss haben.
Hattest du früher einen Lieblingsnationalspieler oder auch -torhüter?
Für mich war das damals Max Weinhold. Schnubi (Anm. d. Red.: Spitzname von Max Weinhold) ist der erfolgreichste deutsche Torhüter, den wir je hatten. Olympisches Gold gewonnen, mit Rot-Weiss Köln Deutscher Meister geworden und insgesamt war er einfachsuper erfolgreich. Dazu ist er auch noch ein sehr cooler Typ und jemand, mit dem ich auch heute den Kontakt tatsächlich sehr schätze.
Während der Europameisterschaft haben wir zum Beispiel auch länger telefoniert, weil ich eine Frage an ihn hatte. Obwohl sich das Hockeyspiel schon krass verändert hat, können Torhüter immer auf eine gewisse Art und Weise zusammen über gewisse Themen reden und sich verstehen. Das sind besondere Momente, wenn ich mit meinem Vorbild in die Analyse gehen und über die Nuancen des Torwartspiels fachsimpeln kann. Schnubi hat letztendlich dafür gesorgt, dass ich Richtung Halbfinale nochmal viele Prozente herauskitzeln konnte und besser war als in den Spielen davor.
Hast du ihn damals auch live spielen sehen können?
Ja, das war damals 2012 das Halbfinale bei den Olympischen Spielen in London gegen Australien. Da hat Schnubi unglaublich gut gehalten. Es gibt da für mich auch so ein ganz magisches Bild, als nach dem Spiel die ganze Mannschaft auf ihn zu gesprintet ist und ihn umarmt hat.. Das war mein Zielbild, das ich erreichen wollte, und zum Glück hat es auch schon ein paar Mal geklappt.
Fühlt es sich bei den Penalties eigentlich so an, als wenn du die Mannschaft auf deinem Rücken trägst?
In gewisser Weise schon. Ich kann das Blatt aber auch umdrehen und sagen, die Mannschaft trägt mich. Manchmal lasse ich vier Penaltys rein, halte nur einen und wir haben trotzdem gewonnen.
Unabhängig davon merke ich, dass die Connection mit meinen Mitspielern durchgehend vorhanden ist. Der Schütze und ich schauen uns nach jedem Penalty an und klatschen ab. Wenn wir zum Beispiel Penaltys verwandeln, gibt mir das immer das Gefühl kreativer werden zu können und mir noch mehr zuzutrauen. Dementsprechend ist das ein Geben und Nehmen.
Wenn das Training vorbei ist, wie gelingt es dir abzuschalten?
Ich verbringe in erster Linie sehr viel Zeit mit Freunden, meiner Verlobten und mit meiner Familie. Ein menschlicher Austausch außerhalb des Sports hilft mir generell immer abzuschalten. Außerdem habe ich einige andere Hobbies, zum Beispiel fahre ich super gerne Motorrad. Ich habe eine ganz alte Enduro, mit der ich eigentlich versuche bei jedem guten Wetter durch die Stadt oder über die Landstraßen zu fahren. Ich verbringe sehr gerne viel Zeit auch in der Natur und gehe gerne angeln. Dafür fahre ich nach dem Training abends an den Rhein oder an den See und werfe meine Angel aus, um auch nochmal an was ganz anderes zu denken. Was für mich auch immer der Anker war, ist der Fokus auf das Leben nach der Karriere, der mir einen gewissen Ausgleich bringt. Der Plan ist in die Wirtschaft zu gehen und dementsprechend versuche ich auch mein Studium erfolgreich abzuschließen. Ich studiere an der Universität zu Köln Management Economics and Social Science im Bachelor. Das Semester hat nun wieder begonnen und ich genieße es in einer Vorlesung zu sitzen, in die Mensa zu gehen und sich mit Leuten, die nicht aus dem Leistungssport kommen, auszutauschen.
Wirst du in den Vorlesungen häufiger erkannt?
In jedem Vorlesungssaal gibt es mindestens ein oder zwei Menschen, die wissen, wer ich bin. Das liegt auch daran, dass Hockey in Großstädten stärker vertreten ist. Meine Kommilitonen haben viel Verständnis, wenn ich bei einer Vorlesung fehle.
Deine Schwester hat dich und deinen Zwillingsbruder zum Hockey gebracht. Wie dankbar bist du ihr dafür? Und hast du sie nach dem EM- oder WM-Titel angerufen, um ihr das zu sagen?
So einen Anruf habe ich noch nicht getätigt, aber das ist eine gute Idee, den könnte ich mal nachholen oder nach dem nächsten Titel auf jeden Fall mal anstreben. Für den Zusammenhang zu der Geschichte: Meine Schwester ist vier Jahre älter als mein Bruder und ich. Als wir vier Jahre alt waren, stand die Entscheidung bevor in einen Sportverein einzutreten. Meine Mutter wollte schon immer, dass mein Bruder und ich eine Mannschaftssportart betreiben, weil sie wollte, dass wir beide zusammenspielen und nicht gegeneinander. Das bricht jeder Mutter das Herz, wenn die Geschwister gegeneinander spielen.
Meine Schwester hatte in ihrer Schulklasse drei verschiedene Lager. Einmal die Fußballspieler, einmal die Hockeyspieler und einmal die Tennisspieler. Und Tennis fiel weg, weil über kurz oder lang hätten wir da gegeneinander spielen müssen. Die Fußballspieler waren aus Sicht meiner Schwester nicht sehr sympathisch. So stand die Entscheidung, dass wir zum Hockey gehen, fest. Das ist ein cooler Zufall, wie das Schicksal solche Dinge beeinflusst. Ich bereue nicht mit Hockey angefangen zu haben und bin dementsprechend meiner Schwester sehr dankbar, dass der Spatenstich an der richtigen Stelle gesetzt worden ist.
Wie bist du dann Torhüter geworden?
Das kam durch das erste Herrenspiel von TEC Darmstadt, meinem Heimatverein, wo ich zugeschaut habe. Es war ein sonniger Tag und unsere Herren haben gegen eine sehr starke Mannschaft gespielt in ihrer Liga. Der damalige Torwart der Mannschaft hat ein unglaubliches Spiel gemacht und die Mannschaft so im Rennen gehalten. Später hatte TEC einen Konter und damit das Siegtor geschossen. Anstatt zum Torschützen sind aber alle zum Torhüter gerannt und haben sich bedankt. Der Torhüter war auch eine Erscheinung, zwei Meter groß, breit gebaut und hatte lange Haare. Dann hatte er diese „Ritterrüstung“ an mit diesen markanten Torwartschienen und in Kombination mit dem Helm sah der aus wie ein Transformer. Dieser Moment nach dem Spiel war der Moment, den ich als Kind erlebt habe und wusste, das möchte ich gerne auch werden.
Als ich mich dann ins Tor gestellt habe, habe ich sehr viel Gefallen daran gefunden und konnte schon früh ähnliche Momente erleben mit meinen Teamkollegen, die gesagt haben, dass es gut gewesen sei, dass ich heute im Tor stand.