Hallen-EM 2026 in Prag
"Ein letztes Mal alles auf dem Platz lassen" - Julia Sonntag im Interview zur Hallen-EM
15. January 2026
Julia Sonntag spielt mit der Hallen-EM in Prag (15.1. bis 18.1.) ihr letztes Turnier im Trikot der Nationalmannschaft. Im Interview spricht sie über ihr Karriereende in der Nationalmannschaft, ihre Motivation für die Hallen-EM und ihre Wünsche für ihr letztes Turnier.
Hallo Julia, wie sind deine Emotionen vor deinem letzten Turnier im Dress der Nationalmannschaft?
Julia Sonntag: Ich glaube, dass ich es jetzt noch gar nicht so realisiert habe. Es kommt erst, wenn ich am Ende vom letzten Spiel den Platz verlasse und merke, dass es das jetzt war. Ich habe in Mönchengladbach schon viele Emotionen gelassen, weil es für mich persönlich etwas ganz Besonderes war. Die Freude auf die Hallen-EM überwiegt gerade und ich denke eher „Geil, ich darf das hier noch einmal machen“ und das bringt mir Freude.
Wann ist diese Überlegung zum Karriereende in dir gereift?
Der Gedanke ist in mir schon länger gereift. Das ist ein Prozess, der länger andauert. Mag sein, dass ich auch ein bisschen zu viel darüber nachgedacht habe. Für mich war das Jahr vor Olympia 2024 schwierig, es lief nicht so rund und dann hatte ich in Paris meine Verletzung, die mich ein Jahr rausgeworfen hat. In dem Moment habe ich schon gedacht, soll es das jetzt gewesen sein. Aber mit diesen Gedanken konnte und wollte ich mich nicht zufriedengeben, weil ich ein durch und durch fröhlicher Mensch bin und mit meinem Sport was ganz Positives verbinden wollte. Ich habe mir gesagt, dass ich mich nochmal zurück kämpfe und noch einmal alles gebe. Zur Wahrheit gehört auch, dass es medizinisch auch komplett anders hätte laufen können. Deshalb bin ich froh und dankbar die Gelegenheit erhalten zu haben mich im Sommer vor dieser Kulisse in Mönchengladbach zeigen zu dürfen.
Selin hat den Cut schon nach der EM gesetzt, was hat dich bewegt weiterzumachen? Bestand zu dem Zeitpunkt schon die Überlegung mit der Halle?
Für mich sollte dieses Thema während der EM keines sein — weder für mich noch für irgendwen sonst. Natürlich hat man das Karriereende in meinem Alter im Hinterkopf, aber durch die sehr kurzfristige, erfolgreiche Nominierung nach meiner Verletzung war mir wichtig, diesen Moment erst einmal wirken zu lassen. Direkt zu sagen: ‚Ich bin dabei — aber danach gleich wieder weg‘, wollte ich in dieser Kombination einfach nicht haben.
Die Überlegung mit der Halle gab es zunächst nicht. Das stand gar nicht im Raum. Dann kam ein Anruf mit der Frage, ob ich mir vorstellen könnte, ein bisschen Halle zu spielen. Da war mein Gedanke ziemlich schnell klar: Ja, darauf hätte ich Lust — auch weil ich es schon sehr lange nicht mehr gemacht habe.
Der Kontakt zu Erik entstand dann vor der Hallensaison, weil er wissen sollte, dass ich Halle spiele und grundsätzlich motiviert für eine EM wäre. So gab es schon früh erste Telefonate. Da die Hallensaison relativ kurz ist, ging dann alles auch entsprechend zügig. Im Nationaldress auf dem Platz stehen zu dürfen ist immer eine Ehre. Das ist für mich jedes Mal ein Privileg.
Warum war dieses EM-Turnier in Prag reizvoll?
Ich finde Hallenhockey erstens cool und hatte lange nicht die Gelegenheit in der Halle zu spielen. Ein Plus war, dass wir ein geiles Team sind mit jungen Spielerinnen, aber auch Spielerinnen, mit denen ich schon viel Hockey gespielt habe. Außerdem habe ich mit einer Hallen-EM meine Nationalmannschaftskarriere gestartet und wenn ich mit einer EM in der Halle diese Reise wieder beende, dann ist das für mich eine runde Sache.
Die WM 2018 war bestimmt deine beste Erinnerung in der Halle, aber hast du in der Jugend bzw. als kleines Kind es lieber gemocht in der Halle zu spielen oder auf dem Feld und die Halle in den letzten Jahren auch etwas vermisst?
Teilweise habe ich Hallenhockey vermisst. Aber mir hat Feldhockey schon sehr viel Spaß gemacht, weil die Reisen mit der Nationalmannschaft und die Erfahrung, die ich gesammelt habe, einen gewissen Reiz ausmacht. Im Speziellen als Torwart bist du natürlich in der Halle deutlich mehr gefragt und deutlich intensiver im Spiel dabei. Als Torhüterin hat man nochmal eine deutlich präsentere Rolle und den Reiz dieser Rolle möchte ich noch einmal erleben, weil ich die letzten sechs Jahre nicht mehr in der Halle gespielt habe.
Wenn du an die Anfänge deiner Karriere denkst, hättest du gedacht, dass du so eine Karriere hinlegen würdest?
Auf keinen Fall. Ich komme nicht aus einer Hockeyfamilie und wir hatten mit dem Hockeysport nichts am Hut. Im Jugendbereich waren wir sicherlich nicht schlecht und sind auch Westdeutscher Meister geworden mit dem GHTC. Ich wurde für die WHV-Auswahl nominiert und auch bei den Jugendnationalmannschaften war ich mal dabei, habe aber nie eine große Rolle gespielt. Ich habe auch kein Jugendturnier in Auswahlmannschaften gespielt. Dank Markus Lonnes bin ich nach Köln gekommen in die Bundesliga-Mannschaft. Nachdem ich mehrere Jahre Bundesliga gespielt hatte, deutsche Meistertitel gewinnen konnte und EHL-Teilnahmen dazukamen, ist mir der Quereinstieg zur Nationalmannschaft gelungen. Bundesliga oder für Deutschland zu spielen, habe ich mir nie erträumt. Ich hatte keinen klassischen Werdegang im Sport, an dessen Ende die Nationalmannschaft die logische Konsequenz war. Deswegen bin ich vielen Menschen sehr dankbar, dass es so gekommen ist.
Du bist schon viele Jahre von Mönchengladbach nach Köln fürs Hockey gependelt und hast sehr viele Opfer gebracht, was hat dich immer wieder angetrieben?
Ich habe mich oft gefragt, was ich hier mache - Das kann ich nicht leugnen. Das ist auch nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen, weil es schon sehr viel Verzicht, sehr viel Freizeitopferung und Ähnliches mit sich bringt. Mit meinem Pendeln habe ich mir sicherlich noch sehr viel weniger Zeit gegönnt. Wenn man es einmal erlebt hat, in seiner Heimatstadt auf einem Hockeyplatz zu stehen, eine Europameisterschaft zu bestreiten, im Finale gegen Holland da zu stehen und selbst wenn es eine knappe Niederlage war, entschädigt das die Aufopferungen des ganzen vorherigen Jahres und aller Zeit davor. Das kann dir keiner mehr nehmen und es ist einfach eine absolute Ehre das erleben zu dürfen oder erzählen zu dürfen. Mit dem Moment, in dem ich im Finale stand, war alles weg. Da habe nicht mehr gefragt, was ich da eigentlich alles auf mich genommen habe.
Was wünschst du dir für dein letztes Turnier sportlich und abseits des sportlichen Abschneidens?
Abgesehen vom Ergebnis wünsche ich mir ein richtig cooles Turnier, bei dem wir einfach nochmal schönes Damen-Hallenhockey zeigen mit guter Stimmung und einer internationalen Bühne, auf der wir uns präsentieren dürfen. Natürlich wünsche ich mir den optimalen Ausgang dieses Turniers. Wichtig dabei wird eine geile Teamleistung. Ich will hier nochmal die jungen Mädels ermutigen, vielleicht sogar inspirieren und alles auf dem Platz lassen.