Hallen-EM 2026 in Heidelberg
Doppelinterview Britta Becker & Nik Kerner: „Nationalmannschaft zu spielen, ist etwas sehr Besonderes"
24. January 2026
Britta Becker und Nik Kerner sprechen im Doppel-Interview über die Heim-EM der Herren in Heidelberg, den Umgang mit Niederlagen – und das Family-Hockey-Business.
Sie gehört zu den prägendsten Figuren im deutschen Hockey: Britta Becker. Und ihr Sohn Nik Kerner hat gerade sein erstes großes Turnier für die HONAMAS gespielt. Wir haben beide zum großen Interview in Hamburg getroffen.
DHB: Am vergangenen Wochenende sind die deutschen Damen Hallenhockey-Europameisterinnen geworden. Konntet ihr die Spiele verfolgen?
Britta Becker: Ja, allerdings eher in den Zusammenfassungen als live. In unserer hockeyverrückten Familie ging es parallel weiter: Meine jüngste Tochter hatte noch Spiele in Hamburg, die wegen Schnee verschoben worden waren. Ich war also selbst viel in der Halle unterwegs. Trotzdem habe ich mich riesig gefreut – das ist einfach großartig für das deutsche Hockey.
Nik Kerner: Ich habe auch hauptsächlich die Zusammenfassungen gesehen. Einige Spielerinnen kenne ich persönlich, zum Beispiel Fenja Poppe und ihre Familie. Es freut mich total für sie. Es war ein Turnier mit Höhen und Tiefen, aber am Ende stehen sie ganz oben – und das haben sie sich absolut verdient.
Blicken wir nach Heidelberg zur Herren-EM. Abseits des Sportlichen: Wie fällt dein atmosphärisches Fazit aus, Nik?
Nik Kerner: Rückblickend war das ein totales Privileg. Eine Heim-Europameisterschaft vor dieser Kulisse spielen zu dürfen, ist etwas ganz Besonderes. Es war mein erstes großes Turnier dieser Art, aber ich glaube trotzdem, das gut einschätzen zu können: Diese Atmosphäre war außergewöhnlich – mit den Fans, der Halle, dem ganzen Rahmen.
Britta, Du hast auf der Tribüne mitgefiebert. Wie war es für Dich?
Britta Becker: Für mich war es eine neue Rolle – ich saß zum ersten Mal als Mutter bei so einem Großereignis auf der Tribüne. Und ich fand es wirklich beeindruckend: volle Halle, große Aufmerksamkeit, unglaublich viel positive Energie. Gerade am letzten Wochenende war das eine fantastische Werbung für den Hockeysport in Deutschland.
Sportlich endete das Turnier für euch auf Platz vier. Nik, wie hast du die Tage danach verarbeitet?
Nik Kerner: Ich habe ehrlich gesagt etwas Zeit gebraucht. Die Enttäuschung war groß, und ich wollte mich zunächst gar nicht so viel damit beschäftigen. Der Fokus lag komplett auf dem Titel – und wenn dieser Traum im Halbfinale platzt, fällt erstmal Vieles in sich zusammen.
Britta Becker: Beim ersten Treffen nach dem Turnier hat er uns auch gebeten, erst einmal nicht über Hockey zu sprechen. Das kann ich total nachvollziehen. Erstmal runterfahren, Abstand gewinnen – mental und körperlich. Das war nach diesen intensiven Tagen absolut notwendig.
Britta, hast du dich in diesen Momenten auch an harte Niederlagen aus deiner eigenen Karriere erinnert?
Britta Becker: Ja – absolut. Früher konnte ich nach solchen Niederlagen teilweise eine Woche nicht darüber sprechen. Wirklich gar nicht. Auch jetzt, nach dem verlorenen Halbfinale, lag ich nachts mal wach, weil mich das Spiel so beschäftigt hat – taktisch, analytisch und emotional. Was haben die Gegner gemacht? Welche Möglichkeiten gab es? Was hätte man anders lösen können? Ich weiß aus meiner aktiven Zeit: Nationalmannschaftsniederlagen haben noch einmal ein ganz anderes Gewicht, weil so viel Vorbereitung, so viel Arbeit darin steckt. Aber das Besondere am Sport ist eben auch: Es geht weiter. Man bekommt neue kurzfristige und langfristige Ziele. Man wird relativ schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt – und genau das ist auch eine große Stärke des Sports.
Gibt es mit etwas Abstand eine Erklärung für das Halbfinal-Aus?
Nik Kerner: Im ersten Moment war da einfach nur Enttäuschung. Wir hatten uns in der Vorrunde gut gefunden, alle Spiele gewonnen, und dann kommt dieses Halbfinale gegen Polen, das sich total seltsam angefühlt hat. Wir sind nie richtig in einen Flow gekommen, mussten uns alles hart erarbeiten. Polen hat es extrem clever gemacht, war perfekt eingestellt. Auch wenn wir statistisch viele Chancen hatten, waren sie am Ende die bessere Mannschaft. Das muss man anerkennen – auch wenn es bitter ist.
Britta Becker: Aus meiner Sicht haben die Polen sich taktisch perfekt auf uns eingestellt. Sie haben kaum Räume gelassen. Das sind diese Spiele, in denen man einfach nicht ins eigene Spiel findet. Da entscheidet oft sehr wenig – eine Ecke, eine Szene. Für Polen hat an dem Tag alles gepasst.
War die kurze Zeit zwischen Halbfinale und Spiel um Platz drei ein Faktor?
Nik Kerner: Der Fokus lag so extrem auf dem Titel. Danach schläft man schlecht, ärgert sich, muss trotzdem so gut wie es geht regenerieren und schnell wieder funktionieren. Das war sicherlich eine Herausforderung. Ich finde aber, dass wir im Spiel um Platz drei Moral gezeigt haben und zurückgekommen sind. Umso bitterer, dass auch dieses Spiel in den letzten Sekunden verloren ging.
Trotz allem bist du individuell als einer der Gewinner des Turniers wahrgenommen worden. Wie bewertest du deine eigene Leistung?
Nik Kerner: Die Gruppenphase war insgesamt gut, und ich habe mich im Turnierverlauf sicher gefühlt. Trotzdem kann ich nicht vollkommen zufrieden sein. Für mich zählt, in den entscheidenden Spielen noch mehr da zu sein – und das ist mir nicht so gelungen, wie ich es mir selbst gewünscht hätte. Es sind gemischte Gefühle: Einerseits nehme ich Positives mit, andererseits überwiegt der Gedanke, dass der Team-Erfolg gefehlt hat.
Wie fandest Du Deinen Sohn, Britta?
Britta Becker: Mich hat seine Leistung nicht überrascht. Ich finde Nik hat ein sehr gutes Spielverständnis, sieht Mitspieler, schießt Tore und bereitet gern vor. Genau das zeichnet ihn aus. Ich habe mich einfach sehr für Nik gefreut, dass er nominiert wurde, gesehen wurde und Teil dieser Nationalmannschaft ist.
Nik, deine ganze Familie war in Heidelberg in der Halle – deine Eltern, deine Schwestern, auch deine Freundin. Wie war das für dich und haben sie dich aufgemuntert?
Nik Kerner: Wir sind als Familie sehr eng, auch unter den Geschwistern, und ich habe mich wahnsinnig über die Unterstützung gefreut. Der Support von meiner Familie und meiner Freundin – auch in der Halle – war für mich total besonders. Zu sehen, wie sehr sie mitfiebern, mitleiden und mich unterstützen, bedeutet mir unglaublich viel. Durch die hohe Taktung der Spiele war zwar nicht wahnsinnig viel Zeit für lange Gespräche, aber es war in der Kommunikation ausschließlich Support da. Und für mich war es einfach schön zu wissen, dass sie vor Ort waren und hinter mir standen.
Britta, wie bist du früher mit großen Kulissen umgegangen?
Britta Becker: Ich fand das immer mega. Gerade im Hockey hat man solche Momente ja nicht so oft. Natürlich kann das auch für manch einen Druck erzeugen, gerade bei Heimturnieren – man will für sich, fürs Team und für die Fans liefern. Aber für mich war das immer etwas Positives.
Nik Kerner: Für mich auch. Ich habe das nie als zusätzlichen Druck empfunden, eher als Motivation. Diese Heim-EM war etwas ganz Besonderes, und die Unterstützung hat mir unglaublich viel Energie gegeben.
Nik, Hockey never sleeps … wie würdest du deine sportlichen Ziele formulieren – auf Clubebene und als Nationalspieler?
Nik Kerner: In den letzten 1 1/2 Jahren war das körperlich aufgrund meines Bandscheibenvorfalls keine einfache Zeit. Deshalb habe ich gar nicht so weit nach vorne geschaut, sondern mir eher kurzfristige Ziele gesetzt: wieder Bundesliga spielen, körperlich stabil sein – und darauf baute dann alles andere auf. Ich bin da grundsätzlich sehr entspannt, aber natürlich leistungsorientiert. Generell möchte ich mit meinem Club, mit dem ich mich sehr verbunden fühle, immer das Bestmögliche erreichen. Als Nationalspieler hat mir die Hallen-EM sehr großen Spaß gemacht. Und wenn man so ein Turnier erlebt hat, dann würde ich lügen, wenn ich nicht sagen würde, dass ich sowas unbedingt wieder erleben möchte – und dann mit einem positiveren Ende. Für die Nationalmannschaft zu spielen, ist schon ganz besonders.
Zum Abschluss; Britta: Haben es junge Leistungssportler heute leichter oder schwerer als früher?
Britta Becker: Das ist relativ komplex. Mein Eindruck ist, dass die Schulzeiten sich verlängert haben, dadurch weniger freie Zeit entsteht, die digitale Ablenkung hinzukommt. Es gibt sehr viel mehr Optionen als früher. Ich habe das Gefühl, dass wir in der Vergangenheit einfach mehr Zeit für Sport, fürs Perfektionieren hatten. Und übrigens auch, ich nenne es mal, fürs Träumen - nicht unwichtig. Umso mehr rechne ich es meinen Kindern hoch an, dass sie sich bewusst für diesen Weg entscheiden. Leistungssport ist ein hohes Investitionsrisiko: Du weißt nie, was am Ende rauskommt. Wenn man diesen Weg trotzdem geht, ist das etwas ganz Besonderes.