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FIH Pro League 2026 in Rotterdam & Berlin

Henning: "Wenn Spieler wachsen oder eine Entwicklung machen, die ihnen fast keiner zugetraut hätte - das begeistert mich."

13. June 2026

Kurz vor den Spielen der HONAMAS in Rotterdam gegen die Niederlande und Indien spricht Herren-Bundestrainer André Henning im Interview über seine Vorfreude auf den Hockey-Sommer, die starken Gegner in den abschließenden Pro League-Spielen und seine emotionalsten Erfolge bisher.

Die heiße Phase des Jahres mit dem Endspurt in der FIH Pro League und der Weltmeisterschaft in den Niederlanden und Belgien rückt näher. Wie groß ist bei dir schon die Vorfreude auf den Hockey-Sommer 2026?

Eine Weltmeisterschaft in Belgien und der Niederlande wird sicher ein riesiges Event.  Ich glaube, wir können noch gar nicht absehen, was da passieren wird und was für eine unglaubliche Atmosphäre auf uns wartet. Und auch die Heimspiele in Berlin werden einmal mehr etwas Besonderes. Aktuell sind wir noch sehr stark in unseren Teamprozessen, da liegt schon eher unser Fokus. Die anstehenden Events helfen natürlich sehr bei der Motivation und wir freuen uns sehr auf alles, was der Sommer bereithält.

Was sind Eure Ziele für die beiden Pro League Stages in Rotterdam und Berlin?

Zum Auftakt der Pro League Saison im Dezember haben uns zehn Spieler gefehlt. Auch in Australien waren wir nicht annähernd komplett. Jetzt sind wir zum ersten Mal mit fast allen Top-Leuten zusammen. Das bedeutet natürlich auf der einen Seite spielerisch in die Abläufe zu kommen. Gleichzeitig ist im Team eine große Dynamik. Die Führung wurde komplett neu gewählt und definiert. Fast jeder Spieler hat eine neue Rolle im Vergleich zum letzten Mal. Das ist ein extrem spannender Prozess mit wahnsinnig viel Potenzial. Das wollen wir in Rotterdam und Berlin ausreizen.

In den verbleibenden Spielen der Pro League trefft Ihr auf die Niederlande, Spanien und Argentinien.  Ist es in Bezug auf die WM ein Vorteil oder ein Nachteil jetzt gegen die vermeintlich starken Nationen zu spielen? Wie hast du die Pro League in Berlin letztes Jahr wahrgenommen?

Wir hätten es uns nicht besser selbst bauen können. Wir brauchen jetzt direkt das oberste Regal an Gegnern, damit wir auf ein Niveau wachsen, das uns in die Lage bringt, die besten der Welt herauszufordern. Auch mit diesem neuen, verjüngten Team. Berlin hat im letzten Jahr extrem viel Spaß gemacht. Da war eine großartige Stimmung, Spiele in denen es rauf und runter ging, auch mit unserer Performance. Wir haben uns sehr wohl gefühlt und freuen uns auf Heimspiel-Atmosphäre.

Es wirkt von außen so, als wenn der Konkurrenzkampf durch viele neue Gesichter innerhalb der Mannschaft neu entfacht wurde. Wie siehst du den Konkurrenzkampf in der Mannschaft?

Wir wollten unseren Kernkader eigentlich schon mehr eingegrenzt haben. Die vielen starken Leistungen führen dazu, dass wir aktuell noch mit 26 Spielern unterwegs sind. Diese Phasen sind immer eine schwierige Abwägung. Inwiefern verteilen wir faire Chancen. Und wie früh setzen wir auf größere Kohärenz, die einer der entscheidenden Faktoren für Erfolg ist. Unser dezentrales System führt dazu, dass wir als einziges Top-Team der Welt nicht regelmäßig gemeinsam trainieren. Heißt wir sehen die Jungs weniger im Nationalmannschafts-Setup. Deshalb dauert es immer etwas länger als bei den anderen Teams, bis wir uns eingegroovt haben. Also die Breite und die damit verbundene Konkurrenz hilft in jedem Fall, macht den Prozess aber auch komplexer.

Wie ist es dir, dem Staff und der Mannschaft gelungen die neuen Spieler zu integrieren?

Hilfreich war, dass wir in den vergangenen Monaten und Jahren immer mal wieder Spieler eingeladen und herangeführt haben, die eine mittelfristige Chance haben. So haben wir selbst die Pro League direkt vor Olympia genutzt, um Kandidaten heranzuführen, die zwar nicht für Olympia selbst auf dem Zettel standen, aber jetzt mit Vorerfahrung antreten. Unser System ist grundsätzlich offen für Neues, Neue, Veränderung und Innovation. Erfahrenere Spieler haben dann auch mal die Jüngeren als Zimmerpartner. Die Social Gruppe achtet darauf, dass alle eingebunden sind. Da gibt es viele Maßnahmen, die dafür sorgen sollen, dass die Integration schnell geht und sich alle direkt wohl und sicher fühlen bei uns.

Wie aufmerksam verfolgst du die Bundesliga-Saison Woche für Woche und wie gelingt es dir das ganze Videomaterial zu sichten?

Ich bin in diesem Jahr sehr viel durch Deutschland gereist, um Spiele live zu sehen. Das gibt immer noch den besten Eindruck. An einem Wochenende war ich noch am Samstagnachmittag in Mannheim, dann abends mit dem Zug nach Hamburg, um dort am Sonntag ein anderes Match bei Polo und schnell noch eine Halbzeit beim HTHC zu sehen. So sahen die meisten Wochenenden aus. Gerade im Hinblick auf die eben angesprochenen fairen Chancen sollen Leistungen in der Bundesliga für unsere Kandidaten auch Berücksichtigung finden. Unter der Woche schaue ich mir dann die Videos an und kann darüber auch in den Feedback-Prozess einsteigen. Wir haben aber auch einen fantastischen Staff und viele Coaches, die auch viel sehen. Live und am Video. So gibt es ein vielschichtiges Bild.

Welche Qualitäten muss ein Spieler mitbringen, um vom gestandenen Bundesliga-Spieler zum Teil der HONAMAS zu werden?

Der Schritt vom Top-Bundesliga-Spieler zur internationalen Spitzenklasse ist viel größer als viele denken. Gerade der athletische Sprung ist riesig und der damit verbundene Aufwand, was Nationalspieler leisten müssen, ist heftig. Du musst nicht nur die Bereitschaft haben, weit über 100 Tage pro Jahr zu reisen, sondern eigentlich jeden Tag morgens und abends zu trainieren - zusätzlich zum Clubtraining. Diese Bereitschaft muss konstant vorhanden sein, nicht nur für ein paar Wochen. Und das baut die Grundlage, dass du das Highspeed Hockey, was international gespielt wird, überhaupt über mehrere Tage mitgehen kannst. Talent ist gut und hilfreich. Es ist aber eben nicht nur Talent, das dich nach oben bringt.

Wie sieht der Austausch zwischen den Lehrgängen / während der Bundesliga-Saison mit deinen Spielern aus?

Ich bin ein paar Mal pro Saison in jeder Stadt und biete den Jungs Gespräche an. Da kann es schon mal sein, dass ich von 9 bis 16 Uhr in einem Café sitze und alle anderthalb Stunden kommt jemand anders vorbei. Diese direkten Gespräche sind immer noch die mit Abstand wertvollste Feedback-Variante. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass ich etwas in den Spielen beobachte und dazu ein kurzes Feedback gebe, auch mal schriftlich. Und dann gibt es Leute, die sind ganz happy, wenn sie mal ein paar Wochen wenig bis nichts von mir hören - und das ist dann auch genau richtig so. Unsere gemeinsame Zeit ist schon lang genug. Da auch mal los- und lockerzulassen, ist eine Fähigkeit, die ich lernen musste.

Du stehst kurz vor deinem 100. Länderspiel als Trainer der HONAMAS. Was sind deine Erinnerungen an dein erstes Spiel als Bundestrainer?

Ich weiß gar nicht mehr genau, welches Spiel gegen wen das genau war. Aber ich kann mich an den Trip nach Potchefstroom sehr gut erinnern. Ein wirklich katastrophales Hotel, wo du froh warst, beim Duschen keinen Stromschlag zu bekommen. Das war auch Anlass und Symbol dafür, dass wir in unserem Setup einiges ändern mussten. Was das Team angeht, waren viele Youngster dabei. Einige, die wieder zurückgeholt wurden. Alle hatten Lust auf Aufbruch, Offenheit für Innovation, ganz viel Neugier. Auf dem Platz war Potenzial mehr sichtbar als Qualität. Also fantastische Bedingungen, um aufzubrechen.

Du bist in dieser Zeit Welt- und Europameister sowie Silbermedaillengewinner bei den Olympischen Spielen 2024 von Paris geworden. Welcher Triumph ist der emotionalste in Deiner persönlichen Rangliste und warum?

Für mich ist Erfolg tatsächlich das Abfallprodukt unserer Prozesse. Ich weiß nach einigen Erfolgen und noch mehr Niederlagen einzuordnen, ob und wie sehr wir Erfolge planen können. Wenn andere wachsen oder eine Entwicklung machen, die ihnen fast keiner zugetraut hätte - das begeistert mich. Hier entwickeln sich jeden Tag Persönlichkeiten. Manchmal sind das kleine, ganz intime Momente in einem Team-Kreis. Oder eine große Tat auf dem Platz. Und das ist dann gar nicht so, dass ich denke, dass ich das gesteuert habe, sondern die Plattform hat dafür gesorgt, dass zwei, drei Jungs untereinander und miteinander etwas ganz Besonderes kreiert haben. So ist es auch im Erfolg. Wenn ich in den Augen oder an den Tränen sehe, was meinen Leuten das bedeutet, dann nimmt mich das auch emotional komplett mit.

Welches Spiel unter deiner Leitung war spielerisch das beste Spiel aus deiner Sicht?

Wer strebt schon nach spielerischer Perfektion? Da habe ich wirklich kein besonderes Duell im Kopf, auch wenn viele sehr, sehr gut waren. Für mich bleiben die Matches, wo wir ein riesiges Problem gemeinsam umgestoßen haben. Einen Rückstand gedreht. Also da wo die mentale Stärke unseres gesamten Systems ineinander gegriffen hat. Die meisten Teams zerreißt es ja unter Stress. Wenn wir bei maximalem Druck nicht nur zusammenbleiben, sondern uns eher mehr verbinden, dann bin ich ein glücklicher Coach.

Was hat sich über die bald 100 Spiele an deiner Herangehensweise im Allgemeinen und gegenüber der Mannschaft geändert?

Grundsätzlich nicht viel. Jedes Team hat seinen eigenen Kontext und seine eigene Geschichte. Gleich ist, dass ich versuche, die Antworten meiner Leute zu hören und nicht nur vorzugeben. Diese Antworten, also die Bedürfnisse der Einzelnen sind natürlich immer unterschiedlich. Das erfordert Flexibilität von uns im Staff und bestimmt unser Handeln. Als Basis ist es viel Vertrauen, Eigenverantwortung und Sicherheit, die uns tragen. Das wird Bestand haben.

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