WM 2026 in Belgien und den Niederlanden
WM-Titel der HONAMAS 2026: Ein unheimlicher Erfolg
01. September 2026
Die HONAMAS sind am Sonntag zum vierten Mal Weltmeister geworden und damit gleichauf mit Pakistan Rekord-Weltmeister.
„Comeback-Kings“, „Connection-Master“, „Erste Welle-Könige“, „Mentalitäts-Monster“. Es gäbe viele Begriffe, um die Weltmeistermannschaft von 2026 zu beschreiben. Alle beschreiben sie aber vor allem die Weltklasse, die dieses Team verkörpert. Als Betrachter und Zuschauer ging man mit einem komischen Gefühl aus den beiden letzten Spielen. Das hing aber vermutlich mit der Erschöpfung, die die Fans der deutschen Mannschaft erlebten in diesen Spielen, zusammen. Die Erschöpfung der Spieler muss unermesslich gewesen sein. Hugo von Montgelas, Mittelfeld-Dynamo, sprach nach dem WM-Finale von den „anstrengendsten 60 Minuten seines Lebens.“ Auch für den Kopf waren die beiden Spiele gegen Spanien und Argentinien „Mentalitäts-Marathons“, wie Trainer André Henning es titulierte.
Den vierten WM-Titel hat die deutsche Mannschaft aufgrund ihrer unglaublichen Defensive gewonnen. Um diese bei den beiden K.o.-Spielen zu beschreiben, verfällt der geneigte Zuschauer schnell in eine Adjektiv-Variation mit Superlativen. Ähnlich wie über die Einzel-Leistung von Stürmer Niklas Wellen bei dem WM-Titel 2023 wird in Zukunft über die deutsche Defensive gesprochen, wenn der WM-Titel 2026 zur Sprache kommt.
In dem Zusammenhang muss als Erstes das Trainerteam der HONAMAS erwähnt werden. Auf der taktischen Seite sind da Co-Trainer Andreu Enrich und Videoanalyst Lucas Koch, beide neben dem DHB-Engagement beim Mannheimer HC angestellt, zu nennen. Enrich studierte vor jeder WM-Partie bis zu 50 Spiele der Gegner. Auf seinem Youtube-Kanal sind Taktikanalysen und Erklärungen zu finden von Spielen wie England gegen Australien bei der WM 2018, in denen die Konflikte der Mannschaft ohne Ballbesitz im Pressing beschreibt und diese in markierten Diamant-Rauten aufzeigt. Co-Trainer Pasha Gademann und Enrich sind die Übersetzer der taktischen Vorstellungen auf dem Platz, Head Coach Henning ist der Feinjustierer. Wer glaubt, dass im Weltspitzen-Hockey das Pressing-Verhalten einer Mannschaft zufällig erfolgt, liegt schon lange falsch. (Die Einführung des „Laptop-Trainers“, ein Begriff mit dem Ex-Fußballbundestrainer Julian Nagelsmann häufiger tituliert wurde, zum Beispiel kommt aus dem Hockey und von Ex-HONAMAS-Trainer Bernhard Peters.) Jede Pressing-Höhe bei der WM war orchestriert. In der vorgegebenen Struktur war dennoch zu beobachten, dass den Moment, in dem ein spanischer Verteidiger ein Zuspiel nicht sauber verarbeiten konnte, Thies Prinz, Justus Weigand, Justus Warweg und Michel Struthoff auch nutzten, um den Ball höher zu attackieren. Den ewigen und wie zu erwarten schweren und auch schwersten Gegner Spanien gelang es zu besiegen und zu „outcoachen“. Das HONAMAS-Trainerteam ist ein Segen für den deutschen Hockey-Sport und sollte es auch schon lange sein für das deutsche Team. Wie sich die Mannschaft mit Maßnahmen wie den erfolgten „Heiratsanträgen“ immer wieder neu erfindet, sollte Inspiration genug sein für eine neue Trainergeneration und Medienpartner Magenta bietet die Plattform, diese Mannschaft mit dem Staff eng zu verfolgen.
Lobeshymnen müssen bei dieser Mannschaft dem Kollektiv gelten und nicht einzelnen Spielern. Der Defensivverbund war als Einheit Weltklasse. Tom Grambusch, Benedikt Schwarzhaupt, Antheus Barry und Linus Müller waren am Stock allesamt, fast schon unheimlich, sicher und die Offensiven der Gegner verzweifelten mit ihren abgefangenen Hereingaben und verlorenen Zweikämpfen regelmäßig an der deutschen Wand auf dem Weg zum Tor. Mit keinem anderen Prädikat als Weltklasse ist auch die Außenverteidigung mit Teo Hinrichs, Jakob Brilla und Moritz Ludwig zu titulieren. Hinrichs ist hier außerdem in besonderer Form zu würdigen, da er maßgeblich zusätzlich dafür verantwortlich ist, dass die deutsche Eckenabwehr mit einer wahnsinnigen Quote von 91% abgewehrter Ecken in die K.o.-Spiele ging. Jedem Abschluss sprintete der furchtlose Hinrichs entgegen. Das wurde spätestens beim Finale gegen Spanien auch dem neutralen Zuschauer erkenntlich, als er aus einem halben Meter schlimm abgeschossen wurde und ihm vom Platz geholfen werden musste. Ganz der emsige Dauerläufer lief Hinrichs kurz darauf wieder auf das Feld, scheinbar unverwundet.
Tom Grambusch hat die Transformation zum HONAMAS-Kapitän mit der WM endgültig abgeschlossen und gekrönt mit dem WM-Titel. Seine Schlenzer waren für den deutschen Ballbesitz ein wichtiges taktisches Mittel, um bei schneller Ausführung von Ab- und Freischlägern die kurzzeitige Unordnung des Gegners zu nutzen und die Pressing-Ketten zu brechen. Er dirigierte zudem seine Nebenleute und hob auch seine Innenverteidiger-Kollegen Schwarzhaupt und Barry in die Reihe großartiger deutscher Innenverteidiger wie Moritz Fürste und Timo Wess. Jakob Brilla ist, zusammen mit Hugo von Montgelas und Justus Warweg, vermeintlich DIE Entdeckung des WM-Turniers. Mit einer gefährlichen Strafecke, einer Bierruhe am Schläger und als Typ war Brilla eine Bereicherung für den deutschen Kader. 2025 noch Hallen-Weltmeister ließ er bei der Feld-WM keine Zweifel an seiner internationalen Klasse, die er beim TSV Mannheim mit seiner Konstanz schon länger angedeutet hatte, aufkommen und dank ihm, Hinrichs und Ludwig ist die deutsche Herren-Nationalmannschaft auf Jahre gesehen Weltklasse aufgestellt. Ludwig spielte eine bemerkenswerte WM, zumal vor dem Turnier von Verletzungsproblemen gebeutelt, und brachte die Initialzündung für den 2:1-Siegtreffer im Halbfinale gegen Argentinien.
Hinter dieser Abwehrreihe stand der aktuelle Welttorhüter, der seine Weltklasse auch bei diesem WM-Turnier unterstrich, und vor allem in den K.o.-Spielen immer zur Stelle war, wenn er gebraucht wurde. Jean Dannebergs Fehler beim Zwischenrundenduell gegen Spanien ist dadurch schon lange vergessen. Joshua Onyekwue Nnaji erfüllte seine Rolle als Nummer 2 1A und brachte viel positive Energie in die Mannschaft. Im Gruppenspiel gegen Frankreich kam er auch zu seinem verdienten WM-Einsatz.
Im Mittelfeld tummelt sich im deutschen Kader auch (Welt-)Klasse ohne Ende. Johannes Große spielte als Mittelfeldmotor ein weiteres unaufgeregtes Kontinentalturnier und war mit seiner Ballsicherheit und Eleganz eine Augenweide für jeden Zuschauer. Hannes Müller krönte sich bei seinem 100. Länderspiel ein zweites Mal zum Weltmeister, nachdem er schon im Zwischenrundenspiel gegen Australien für ein Highlight der WM mit seinem Traumtor gesorgt hatte. Müller war überall auf dem Feld aufzufinden und für seine Gegner mit seiner Übersicht und Spielintelligenz schwer zu stoppen. Paul Kaufmann hatte die wenigsten Einsatzminuten im Mittelfeld, erzielte dennoch zwei sehr wichtige Tore für den Turnierverlauf mit seiner Schlitzohrigkeit und Raffinesse. Veteran Christopher Rühr hat von seiner Geschwindigkeit nach wie vor nichts verloren, wie er allen bewies, obwohl er sein Spiel auf dem Platz deutlich angepasst hat. Rühr war Taktgeber der Offensive und Mittelpunkt der viel beschriebenen „Connections“. Über diese setzte er seine Vorder- und Nebenleute immer wieder in Szene und war mit seiner Erfahrung auch in den entscheidenden Momenten ganz wichtig für Ballsicherheit zu sorgen und im Zweifel die Uhr runterlaufen zu lassen. Die angesprochene Connection oder auch das blinde Verständnis hatte Rühr vor allem mit seinem ehemaligen Teamkameraden, Thies Prinz. Die beiden suchten sich immer wieder auf dem Weg zum Tor und fanden sich. Prinz, 2023 beim WM-Titel noch einer der „Jungen“, hat als Doppel-Weltmeister im Alter von 28 Jahren seinen Status als Topspieler bei der WM unterstrichen. Seine Technik sucht seinesgleichen im Welthockey und statistisch vermutlich die meisten überspielten Gegenspieler. Wenn man angefangen mit Brilla in der Abwehr die Rising Stars der HONAMAS aufzählen würde, ist im Mittelfeld Hugo von Montgelas herauszuheben. Beim U21-Weltmeister von 2023 kommt man ins Schwärmen. Technik, Laufbereitschaft, „Hockey-IQ“ und Dynamik zeichnen den gebürtigen Frankfurter aus und als Lieferant der Offensive aus dem Mittelfeld spulte er im Mittelfeld die Kilometer bei seiner ersten Senioren-WM mühelos ab und begeisterte Fans mit seiner nonchalanten Spielweise. Von Montgelas ist das Versprechen für eine goldene Zukunft der HONAMAS.
Jene goldene Zukunft gehört auch dem „Rising Player“ der WM: Justus Warweg. Möglicherweise wird diese der 19-jährige Warweg sogar noch länger prägen. Quasi im Juni erst auf den WM-Zug aufgesprungen, hatte er keinerlei Anpassungsschwierigkeiten bei der WM und war der X-Faktor im deutschen Team. Die Gegner wussten nicht, was auf sie wartet, und die Zuschauer staunten über sein Talent. Warweg sorgte mit seiner Spritzigkeit für wichtige Impulse gegen und mit dem Ball und verewigte sich mit seinem markanten „Bratpfannen“-Treffer gegen Australien. Einen berühmten Treffer erzielte auch Michel Struthoff und zwar den 1:0-Siegtreffer im WM-Finale. Struthoff entwickelte sich auch im Laufe des Turniers zum Leistungsträger und brachte in der Tradition der Halbstürmer, wie Prinz und Rühr, elementare Impulse für das Offensivspiel Deutschlands. Mit unermesslichem Talent gesegnet fand Struthoff bei der WM auch den pragmatischen Weg zum Tor und krönte sich als WM-Siegtorschütze. Malte Hellwig erledigte seinen Job als Reservespieler großartig und stach heraus bei seinem Einsatz im letzten Gruppenspiel gegen Frankreich, sodass er Henning die Wahl der Sturmreihe für die nächsten Spiele erschwerte. Diese Sturmreihe wurde komplettiert vom deutschen Goalgetter, Justus Weigand. Der Mann für die ganz wichtigen Tore lauerte immer und stand meistens richtig. Weigand hielt seinen Schläger in alles rein und war maßgeblich beteiligt an beiden Treffern im Halbfinale gegen Argentinien. Weigand braucht nicht das große Rampenlicht, ist aber der würdige Nachfolger einer der größten Stürmer im Nationaltrikot, der die HONAMAS 2023 zum Titel schoss.
Der Vater des Erfolgs müsste eine eigene Würdigung erhalten. Der Mann, der so viele Begriffe im Zusammenhang mit der HONAMAS erfunden hat und den Journalisten mit seinen Wort-Kreationen Futter gibt, hat den Umbruch nach den Rücktritten von Mats Grambusch und Lukas Windfeder gemeistert und eine Mannschaft in der Entwicklung zu Weltmeistern gemacht. Mit seinem Team, dessen Erfolgen und mit seinen innovativen Methoden macht Henning an der Spitze des DHB-Teams viel Werbung für einen Sport, der mehr Anerkennung verdient hat. Henning geht auch mit Rückschlägen und Niederlagen offen um und liefert Gründe und mögliche Maßnahmen. Das Geheimnis des Erfolgs sind die Feedbackrunden im Mannschaftskreis, die Henning zusammen mit Gademann initiiert hat. In diesen gehen die Spieler hart miteinander ins Gericht und fördern die Resilienz jedes Einzelnen. Dabei geht es dem Trainer Henning immer um den Aufbau der „sogenannten“ Connections, neben dem Platz, damit sie auf dem Platz nur gefördert werden müssen. André Henning und die deutschen Nationalmannschaften haben weniger Zeit und vor allem weniger gemeinsame Trainingstage als die internationale Konkurrenz. Diese nutzt Henning (in deutscher Tradition) effizient und scheint den Gegnern immer einen Schritt voraus, wie auch dem Taktik-Fuchs und Nationaltrainer Max Caldas im WM-Finale gegen Spanien. Schon unheimlich, dieser Erfolg!