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WM 2026 in Belgien und den Niederlanden

Henning: "Wir wollen unter Druck stark sein, also dann besonders eng zusammenrücken, wenn es andere Teams unter Stress auseinander reißt."

07. August 2026

Kurz vor dem WM-Start spricht Bundestrainer André Henning über die aktuelle Stimmung in der Herren-Nationalmannschaft, die Herausforderungen bei der WM und seinen Führungsansatz.

In wenigen Tagen startet die Weltmeisterschaft. Viele Fans schauen jetzt auf Gegner, Ergebnisse und Medaillen. Worauf schaust du in den ersten Tagen eines solchen Turniers als Trainer? Woran erkennst du, dass deine Mannschaft auf dem richtigen Weg ist – unabhängig vom Ergebnis?

Die Leistung und damit auch die Ergebnisse bei der WM sind ja immer Folgen von Prozessen, die wir seit Monaten anschieben. Da ist entsprechend schon extrem viel passiert. Jetzt sind wir in einer besonders interessanten Phase, weil endlich das nominierte Team steht. Das bringt erstmal viel Sicherheit und beeinflusst natürlich das Handeln. Jetzt geht es darum, die Rollen für die WM zu klären und zu schärfen. Was ist mein Job auf dem Platz in welcher bestimmten Situation. Und was ist auch mein Auftrag als Persönlichkeit. Wir wollen unter Druck stark sein, also dann besonders eng zusammenrücken, wenn es andere Teams unter Stress auseinander reißt. Das kann ich nicht vorgeben, denn die Spieler entscheiden auf dem Platz und müssen wissen, was sie voneinander brauchen. Also investieren wir gerade viel in diese Abstimmung und machen natürlich auch immer wieder Reality-Checks, was schon läuft und was noch Potenzial hat.

Du hast zuletzt mehrfach gesagt, dass sich Führung und Rollen innerhalb der Mannschaft verändert haben. Wenn du auf dieses Team blickst: Was ist heute anders als noch vor einem Jahr?

Am Ende eines Turniers ist das Team immer Geschichte. Neue Leute kommen dazu, damit neue Ideen. Ein Team steckt jederzeit in einem dynamischen Prozess, das hört nie auf. Unsere Führungsebene hat sich neu formiert. Nahezu alle haben eine andere oder ganz neue Rolle. Das wiederum hat Einfluss darauf, wie wir miteinander umgehen, uns coachen oder Feedback geben. Ich kriege gespiegelt, die Stimmung sei sehr gut. Das ist eine wichtige Grundlage. Jetzt gilt es zu beweisen, dass unser System auch wettkampfstabil ist. Dazu gehören auch Klarheit und Konfrontation.

Du giltst als Trainer, der Verantwortung bewusst an die Spieler abgibt. Gibt es einen Moment, in dem es dir besonders schwerfällt, loszulassen – oder musstest du das als Trainer erst lernen?

Ich musste das definitiv erst lernen. Zu Beginn meiner Karriere war ich deutlich direktiver und habe Unsicherheiten mit Autorität überspielt. Ein paar verlorene Endspiele und der damit verbundene Leidensdruck haben mir geholfen, offener zu sein und zu verstehen, dass die wichtigsten Entscheidungen auf dem Platz fallen. Mein Job ist also starke Entscheider und ein stabiles System zu entwickeln. Dafür liefere ich Plattformen. Wenn ich Beteiligung öffne und Fragen stelle, dann kommen selbstverständlich auch Antworten. Auch solche, die ich nicht erwarte. Damit sehen wir mehr Probleme, blinde Flecken und finden vielfältigere Lösungen. Wenn ich Offenheit predige, bin ich auch vorbereitet, dass in den besonders schwierigen Momenten Ehrlichkeit kommt. Das macht uns stark.

Du hast einmal gesagt, dass dich nicht Titel am meisten begeistern, sondern wenn Spieler Entwicklungen nehmen, die ihnen kaum jemand zugetraut hätte. Gibt es in diesem Kader jemanden, bei dem du genau so eine Entwicklung erlebt hast – ohne einen Namen nennen zu müssen? Was macht solche Momente für dich besonders?

Ganz viele solcher Entwicklungen sehen wir gerade jeden Tag. Menschen, die Führung übernehmen und andere stärker machen, obwohl ihnen gesagt wurde, dass sie niemals Leader werden. Menschen, die für die Mannschaft handeln und spielen, obwohl ihnen gesagt wurde, dass sie Ego-Zocker sind. Das ist ein Feedback-Gespräch zwischen Spielern, ein Moment im Training und natürlich auch das Handeln für das Wir statt für das Ich im Laufe des Turniers.

Eine Weltmeisterschaft dauert oft nur wenige Tage – und trotzdem steckt jahrelange Arbeit dahinter. Wie schaffst du es, dass die Spieler den Moment genießen, ohne sich von der Bedeutung des Turniers lähmen zu lassen?

Der Mix zwischen Anspannung und Entspannung ist in einem Turnier besonders wichtig. Wir lassen den Jungs also nach den Spielen bewusst Freiraum, wo sie die Dinge tun können, die sie für sich brauchen. Die Schlagzahl ist extrem hoch. An jedem zweiten Tag wird gespielt. Da steckt viel Druck im System. So ein Turnier ist ja die perfekte Gelegenheit, alles Erlernte und Erarbeitete auf die Bühne zu bringen. Das hat ganz bestimmt auch Genuss-Momente, wenn deine Stärken wirksam werden und den Unterschied machen.

Du sprichst oft über Vertrauen, Eigenverantwortung und Sicherheit. Was passiert mit diesen Prinzipien, wenn ihr im WM-Halbfinale fünf Minuten vor Schluss zurückliegt?

Genau dann kommen sie zum Wirken und tragen uns bestenfalls. Wenn ein paar zusammengewürfelte Leute ein echtes Top-Team werden - also unter Druck besonders stark, ihre Rollen kennen und sich darauf verlassen können, dass dann auch abgeliefert wird - dann ist das ein Produkt monatelanger oder jahrelanger Arbeit aller Beteiligten. Also nur wenn ich mich im Team gut und sicher fühle, schnappe ich mir den Ball, handle mutig und setze mich auch mit Überzeugung durch. Dann ist Verhalten unter Druck kein Zufall, sondern Können.

Wenn wir uns direkt nach der WM wieder hier zusammensetzen – unabhängig vom Ergebnis: Was müsste passiert sein, damit du sagen kannst: "Genau dafür haben wir in den vergangenen Monaten gearbeitet"?

Bei der WM kommen sechs, sieben, acht Teams zusammen, wo jeder jeden schlagen kann. Fokussieren wir uns also am besten auf die Dinge, die wir beeinflussen können. Wir haben in den dicken Spielen und unter dem größten Druck extrem stabil gehandelt. Wir sind mutig aufgetreten und haben gleichzeitig herausragend verteidigt, bestenfalls ziemlich gute Ecken-Quoten. Wir haben Momente kreiert, die Menschen begeistern und mitreißen, bestenfalls auch uns selbst.

Du arbeitest in einem Sport, in dem man sich in der Spitze auf Augenhöhe begegnet. Wie schafft man es als Trainer, eine Mannschaft ständig weiterzuentwickeln, obwohl die Gegner deine Ideen längst kennen? 

Wir haben einen herausragenden Coaching-Staff mit Pasha Gademan, Andreu Enrich, die das Team immer wieder mit neuen Ideen füttern und in den Austausch kommen. Dazu bereitet Lucas Koch in der Analyse alles haarklein vor, so dass wir auch darüber Lösungen finden. Zudem sind die Spieler beteiligt. Die besten Besprechungen sind solche, wo wir Probleme und Lösungen gemeinsam mit allen offen diskutieren. Das passiert sehr oft. Und durch viele schnelle Ideen ist die Innovationschance direkt viel größer.

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