HONAMAS-Kapitän Tom Grambusch im Interview
Tom Grambusch: "Verletzungen haben wir in Kauf genommen"
22. September 2026
Wenige Wochen nach seinem zweiten WM-Titel spricht Kapitän Tom Grambusch im Interview über die mentalen Anstrengungen, die Gründe für die erfolgreiche deutsche Defensive bei der WM und seine besten Erinnerungen an die Jugend-DMs vor den bevorstehenden Hockey Youth Finals Mitte Oktober.
Tom, wie geht es dir? Wie groß ist die Motivation nach so einem WM-Titel direkt wieder in die Bundesliga zu starten?
Mir geht es gut und ich habe den Urlaub nach dem WM-Ende sehr genossen.
Es ist nicht einfach, nach nur zwei Wochen Pause, wieder in die neue Saison zu startet. Nichtsdestotrotz macht Bundesliga auch nach zwölf Jahren, die ich jetzt bereits in der Bundesliga spiele, immer noch sehr viel Spaß, zumal sich immer etwas ändert. Bei uns ist das dieses Jahr wieder ein Teil der Mannschaft, für die wir mit Jakob Brilla und Hugo von Montgelas wieder zwei neue junge, gute Spieler dazubekommen. Das macht schon Bock mit den Jungs auch auf Vereinsebene zusammen zu zocken. Das Niveau ist bei uns ohnehin schon recht hoch. Die Motivation ist im April aber dennoch höher als im September, das ist logisch.
Was hat euch bei der WM mental so stark gemacht die Thriller im Halbfinale gegen Argentinien und im Finale gegen Spanien zu überstehen und damit den WM-Titel zu verteidigen?
Ja, das ist eine sehr gute Frage. Es lag an dem Mannschaftsgefüge und an der Art und Weise, wie wir füreinander gespielt haben auf dem Platz. Es lag nicht daran, dass wir das beste Hockey aller Zeiten gespielt haben und super viele Tore geschossen haben. Es lag ausschließlich daran, wie wir gemeinsam im Verbund verteidigt haben. Dafür muss dieses Teamgefüge eingespielt sein. Das haben wir geschafft, wenn auch erst ziemlich kurz vor Turnierstart beziehungsweise eigentlich auch erst im Turnier. Schaut man sich die vergangene Pro League-Saison an, waren wir mal schlecht, mal gut. Resümiert war es in Ordnung, aber es waren auch krasse Leistungsdellen teilweise drin. Das hatten wir bei der WM nicht. Da haben wir super konstant gespielt. Wir haben bessere Spiele und schlechtere Spiele gehabt, aber wenn wir schlechte Phasen hatten, dann waren die sehr kurz. Das war unser Ziel. Schlechte Phasen gehören dazu, auch bei der allerbesten Mannschaft. Das Ziel ist diese eben aber nur kurz zu halten. Das haben wir geschafft, weil wir die Verantwortung auf viele Schultern verteilt haben. Überraschend war allerdings, wie gut es uns gelungen ist, weil wir viele unerfahrene Jungs dabei hatten. Die haben aber alle überperformt und Verantwortung übernommen, wenn es darauf ankam. Das ist schon bemerkenswert gewesen.
Dein Mitspieler Hugo von Montgelas hat nach dem Spiel von den anstrengendsten 60 Minuten seines Lebens gesprochen. Hast du das auch so wahrgenommen?
Erstmal würde ich gerne auf die Aussage von Hugo eingehen: Die Position, die er spielt, ist natürlich grundsätzlich deutlich laufintensiver. Ich habe mit Abstand die entspannteste Position als tiefer Innenverteidiger abgesehen vom Torwart, Ich bin grundsätzlich kein Spieler, der über sein Laufspiel kommt, auch offensiv nicht, sondern über mein Passspiel. Dementsprechend ist meine Belastung in so einem Spiel deutlich geringer, als die von beispielsweise Hugo oder Michel (Anm. d. Red.: Struthoff). Ich hatte auch schon deutlich anstrengendere Spiele in meinem Leben, als ich noch Außenverteidiger gespielt habe oder auf anderen Positionen unterwegs war. So ein Spiel ist natürlich unfassbar intensiv, was den Kopf angeht.
Du bist nicht nur Kapitän der Mannschaft, sondern auch Abwehrchef. Sieben Gegentore in sieben WM-Spielen sind die harten Fakten. Wie stolz warst du auf die Defensivleistung deiner Mannschaft und vor allem auf die deiner Hinterleute?
Das war der Schlüssel zu unserem Erfolg. Die Defensive funktioniert nur mit einem funktionierenden Teamgefüge. Die Offensive entscheidet Spiele, die Defensive entscheidet Turniere. Das klingt abgedroschen, aber hat seine Berechtigung bei sieben Gegentoren. Wenn mir jemand vor dem Turnier gesagt hätte, wir kriegen sieben Gegentore, hätte ich dir sagen können, dass wir Erster oder Zweiter werden, denn das ist der Key Factor des Erfolgs. Ich bin sehr stolz auf die Jungs, denn wir haben sehr viel dafür getan und es wurde sehr aufopferungsvoll gearbeitet, um Tore zu verhindern. Das Verhindern von Toren tut häufig weh beim Hockey auf dem Niveau und hat meistens zur Folge, dass Finger, Hände oder Füße in Mitleidenschaft gezogen werden. Aber das haben wir einfach in Kauf genommen. Wenn ich mir ansehe, wie viele Bälle die Verteidiger, aber auch die Mittelfeldspieler und Stürmer an ihre Hände oder auf ihre Füße bekommen haben, dann war es eine bemerkenswerte Teamleistung.
War die Defensivleistung auch ein Verdienst der taktischen Einstellung des Trainerteams?
Zum einen liegt es an unserem Trainerteam, zum anderen an dem Material, was die Trainer zur Verfügung haben. Denn die Spieler auf dem Platz waren allesamt in der Lage individuell gute, clevere Lösungen zu finden und deshalb konnten wir auch Raumdeckung spielen. Es gibt international nur zwei Top-Nationen, die Raumdeckung spielen, das sind Belgien und Deutschland. Der Rest ist auf Manndeckung geswitcht, weil das Tempo einfach unfassbar hoch geworden ist. Wenn das Tempo schnell wird, ist es in der Manndeckung einfacher, weil es eine klare Zuordnung gibt. Das hast du in der Raumdeckung allerdings nicht. Du hast permanent neue Gegebenheiten, an die du dich anpassen musst. Wenn du allerdings im Kopf so schnell bist und das auch noch im Verbund, hast du permanent Überzahlsituationen. Dieses Niveau haben wir bei der WM erreichen können. Das schaffen wir sonst nicht immer, denn dafür muss wirklich jeder online sein. Konzentriert haben wir das bei der WM geschafft. Dazu kommt, dass wir mit Sicherheit die einzige Nation sind mit fünf oder sechs verschiedenen Raumdeckungen, die wir alle jederzeit anwenden können, je nach Gegner. Wir spielen gegen Belgien eine andere Raumdeckung als gegen die Niederlande beispielsweise. Das geht nur, weil die Spieler clever sind und weil unsere Trainer genau wissen, was wir wann brauchen und uns darauf geschult haben über die letzten Jahre. In dem Fall ist es Pasha Gademanns Aufgabe als Defensivcoach. Die Rollenaufteilung ist sehr klar im Staff und so geschultert, dass wir nicht viel Zeit brauchen, um Systeme zu adaptieren. Dementsprechend ist das ein Zusammenspiel aus DHB, der Entwicklung über Jahre, aus Spielern, die jetzt oben sind und aus dem Staff.
André weist immer wieder auf die großen Unterschiede der Gesamtzahl von Trainingstagen und Lehrgängen in einem Jahr gegenüber den Top-Nationen hin. Wie schafft ihr es mit weniger Trainingstagen in eure Abläufe zu kommen und zum Beispiel verschiedene Raumdeckungen zu adaptieren?
Das ist definitiv ein Thema und eine Problematik, mit der wir uns auseinandersetzen. Wir haben selten die Möglichkeit auf Großfeld 11 gegen 11 im Training zu spielen. Die Frage schließt aber ein sehr großes und komplexes Themenfeld mit ein. Ich würde behaupten, dass unsere Gier auf Erfolge bei Turnieren durch die reduzierte Zahl an Trainingstagen höher ist, weil wir uns nicht das ganze Jahr gegenseitig auf den Sender gehen und keine mentale Müdigkeit eintritt. Wir haben stattdessen eine gewisse Spritzigkeit im Kopf.
In der heißen Phase, für mich sind das die Monate Juni, Juli und August, gehen wir dort deutlich frischer rein als andere Nationen. Das muss nicht bedeuten, dass wir jedes große Turnier gewinnen oder im Finale stehen, aber es erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass man emotional und mental da ist und unter Druck in dem Moment dann abliefern kann. Wenn ich mir zum Beispiel Australien anschaue, dann hatten die dieses Jahr ein beinhartes Programm.
Wenn man an das deutsche Hockey denkt, denkt man immer in Beschreibungen an Adjektive wie strukturiert, diszipliniert, organisiert und das trifft in der Defensive auch absolut zu. Anders geht es nicht. Offensiv sind wir aber die Mannschaft, die am wenigsten Struktur besitzt. Unter den Top 8-10 Nationen sind wir die Mannschaft mit der größten Freiheit, was unser Offensivspiel angeht. Manchmal verliere ich hinten auch die Geduld, wenn unsere Offensivspieler leichtfertig die Bälle verlieren. Wenn sie aber so spielen, wie sie bei der WM gespielt haben, und Tore am Fließband schießen in den wichtigen Momenten, dann ist das die Rechtfertigung dafür, dass unser Ansatz richtig ist. Wir haben in der Spitze einige Individualspieler, die das Spiel entscheiden können und dafür nehme ich auch den Frust in bestimmten anderen Situationen gerne in Kauf.
Es ist sicherlich schwer diese beiden WM-Titel zu vergleichen, aber worin unterschied sich der Teamspirit der beiden WM-Kader 2023 und 2026?
Die gibt es erstmal mit Sicherheit. 2023 war es eine ganz andere Mannschaft. Sowohl in puncto Spielerzusammensetzung als auch von den Charakteren und der Erfahrung her. In der Mannschaft 2023 waren Spieler dabei, die schon lange sehr erfolgreich waren, auch international. Wir hatten einige internationale Top-Spieler, die aber jahrelang nichts gewonnen hatten. In den Jahren vor 2023 hatten wir bei einigen Turnieren den Kürzeren gezogen und daher war der Hunger gigantisch endlich mal wieder was zu gewinnen.
Der Teamspirit damals war gut und du wirst auch nicht Weltmeister ohne, das liegt auf der Hand. Damals hatte keiner mehr so richtig auf dem Schirm, wie man internationale Top-Titel gewinnt. Dieses Verständnis mussten wir uns damals irgendwie erarbeiten. Das haben wir am Ende geschafft. Ich würde sagen von der Qualität her war die Mannschaft damals etwas besser besetzt. Ob wir besser gespielt haben, weiß ich nicht, aber wir waren besser besetzt. Die Mannschaft war jetzt sehr unerfahren, aber trotzdem wussten einige Jungs, wie man eine WM gewinnt, wie man ein Olympia-Finale spielt oder eine EM gewinnt. Natürlich hatten wir fünf, sechs Jungs dabei, die ihr erstes Turnier bei den HONAMAS gespielt haben und ganz viele, die ihre erste WM gespielt haben, aber trotzdem wusste mehr als die Hälfte, wie man ein Endspiel gewinnt. Wir haben letztes Jahr die EM gewonnen und das ist ein wesentlicher Punkt.
Komplett unterschiedlich sind die Mannschaften nicht und der Staff ist der gleiche, der uns vor drei Jahren begleitet hat. Ein Punkt, der unterschiedlich ist, ist die Hierarchie. Die Hierarchie ist bei uns immer recht flach. Dieses Mal ist sie nochmal flacher gewesen. Die jungen Spieler, die hochgekommen sind, haben sich alle früh getraut was zu sagen, was auch völlig in Ordnung ist, wenn sie performen. Sie haben performt, deshalb sei es ihnen gegönnt. Dabei haben sie angemerkt, was sie brauchen und wo sie Potenziale sehen. Darauf kann eine Mannschaft zurückgreifen. Wenn gleich 17 oder 18 Spieler diese Dinge ansprechen, ist das besser, als wenn es nur vier Leute tun. Dennoch gab es zwei, drei Spieler, deren Wort noch mehr ins Gewicht fiel.
Jetzt wartet beim DHB nach der WM als nächstes Highlight die Hockey Youth Finals. Eine zentrale Ausrichtung der Deutschen Meisterschaften in der Jugend gab es zuletzt 2009 mit dir als Teilnehmer in der mU14. Was sind deine Erinnerungen? Und wie besonders war das für dich in diesem Stadion zu spielen?
Das war geil, also wirklich sehr cool. Da ich gebürtig aus Mönchengladbach komme, war das alles sehr aufregend für mich. Wir haben damals gegen Mülheim im Halbfinale gewonnen, leider auf Platz 2, da Platz 1 belegt war. Das Finale haben wir dann verloren gegen UHC im Siebenmeterschiessen auf Platz 1 um 9 Uhr morgens. Da hat leider auch die Technik noch geschlafen und es lief keine Hymne vor dem Spiel. Abgesehen davon war es absolut toll mit 14 vor so einer Kulisse zu spielen, wo sonst nur die Nationalmannschaften spielen. Bei der WM 2006 hatte ich noch eine Dauerkarte als Zuschauer und das war schon besonders in diesem Stadion, wo die HONAMAS 2006 den WM-Sieg gefeiert haben, zu spielen.
Kannst du einmal über die Bedeutung der Jugend-DMs für euch als Spieler sprechen und inwiefern dir die Erfahrungen bei den Jugend-DMs den Weg geebnet haben Nationalspieler zu werden?
Das sind die Events, in denen du dich zeigen kannst, wo du dich mit den Besten aus deinem Jahrgang messen kannst. Vor allem bei der ersten DM, in der mU14 oder wU14, hat man vorher noch nicht diese Erfahrung gemacht, außerhalb deines Landesverbands zu spielen. Wenn du dort gut spielst, wirst du wahrscheinlich auch eingeladen zu den Maßnahmen des DHB. Das kann der Start in eine Karriere in der Nationalmannschaft sein. Das wissen alle jugendlichen Hockeyspieler in Deutschland, dass dem so ist. Es gibt andere Wege, aber das ist der einfachste. Somit sind die Deutschen Meisterschaften das Jahreshighlight. Es ist mit Abstand das größte Event für Jugendspieler, was du spielen kannst, insofern du noch nicht bei einer Europameisterschaft mit einer U-Nationalmannschaft gespielt hast. Der Stellenwert der Deutschen Meisterschaften ist der höchste des jeweiligen Jahres.