Lilly Stoffelsma im Interview
"Hockey bietet einfach tolle Möglichkeiten im Ausland zu spielen, coole Menschen kennenzulernen und neue Erfahrungen zu sammeln."
07. June 2026
Im Interview spricht Lilly Stoffelsma über ihre Zeit in den Niederlanden, ihre Hockey-Anfänge und ihre Vorfreude auf die WM im August.
Mittlerweile spielst du beim HGC Wassenaar in der niederländischen Hoofdklasse. Wie läuft es für dich dort und wie gefällt es dir in den Niederlanden?
Es gefällt mir richtig gut. Ich mag mein Team sehr gerne und wir spielen auf einem tollen Niveau. Sportlich lief es diese Saison mittelmäßig. Der Abstand zu den großen Clubs in der Liga ist nicht so groß gewesen, wir haben uns aber nicht durchgehend mit Punkten für unsere Leistungen belohnen können. In der Hoofdklasse zu spielen ist toll und das Tempo ist nochmal anders als in der Bundesliga. Die Leistungsdichte ist enorm und die Teams sind tabellarisch enger zusammen und auch gegen die Top-Clubs gibt es immer die Chance Punkte zu holen.
Was hat dich zu diesem Schritt und dem Wechsel in die Hoofdklasse bewegt?
Mein Wunsch war schon immer im Ausland zu spielen. Dann habe ich den Plan gefasst mein Masterstudium in den Niederlanden zu machen, nachdem ich in Düsseldorf meinen Bachelor abgeschlossen hatte. Ich fand es spannend mein Masterstudium mit dem Hockeyspielen zu verknüpfen, da ich etwas Internationales studiert habe. In Rotterdam hat das mit der Uni auch perfekt gepasst, denn für mich war wichtig nicht so weit zum Training zu pendeln. Ich fühle mich in Rotterdam auch sehr wohl und wohne mit einer ehemaligen Torhüterin zusammen, die mich super aufgenommen hat. Dadurch war ich schnell in den Hockeykreisen drin.
Von meinen Mitspielerinnen wohnen viele in Amsterdam und pendeln zum Training. Dass man nicht in der Stadt wohnt, in der man spielt, und eigentlich alle von überall her zu den Trainingsstätten pendeln, ist sehr verbreitet. So kommt es auch vor, dass ich für einen Kaffee nach Amsterdam fahre, weil man überall schnell hinkommt. Für die Wochenendplanung ist das auch sehr praktisch.
Aufgrund deiner familiären Verbindung mit den Niederlanden und deinem Umzug hat die WM im August vermutlich auch einen ganz besonderen Stellenwert, oder?
Das stimmt, mein Vater kommt aus den Niederlanden und ich freue mich schon sehr auf die WM, weil es ein hockeyverrücktes Land ist. Das wurde mir hier nochmal bewusster, denn ich sehe so viele Menschen Radfahren mit Hockeyschlägern in der Hand. Ich bin schon zu jeder vorstellbaren Uhrzeit unterwegs gewesen und auf kleine Mädchen mit ihren Hockeytaschen, die auf dem Weg zum Training waren, getroffen. Hockey hat hier einen ähnlichen Stellenwert wie Fußball.
Durch den familiären Bezug, dass mein Vater in den Niederlanden geboren ist, meine Großeltern väterlicherseits nach vielen Jahren auch wieder in den Niederlanden wohnen und ich immer wieder zu Besuch war, kenne ich die Kultur schon gut. Ich bin dabei, die Sprache zu lernen und verstehe auch schon viel. Daher habe ich einen besonderen Bezug zu diesem WM-Turnier, zumal gegen so viele Top-Nationen zu spielen, einfach cool ist.
Auf welche Duelle freust du dich besonders und welche Nationen siehst du ganz oben?
Natürlich die Niederlande. Ich spiele gerne gegen Belgien, aber auch gegen viele andere. Spanien ist richtig gut geworden und Australien sowie Argentinien würde ich auch nennen.
Im Rückblick auf das vergangene Jahr ist dir mit dem 2. Platz bei der Heim-EM ein besonderer Erfolg mit der Nationalmannschaft gelungen. Konntest du das für dich schon einordnen?
Ja, direkt danach eigentlich schon. Für mich war erstmal besonders, dass ich nominiert wurde für mein erstes großes Turnier in meiner Heimatstadt Mönchengladbach. Dieses Turnier war einfach einzigartig, weil alle meine Freunde und Familie zugeguckt haben. Als Zuschauerin habe ich die EM 2023 und die tolle Atmosphäre erlebt und mir gesagt, das will ich unbedingt auch als Spielerin mal erleben und zwei Jahre später hat sich die Chance ergeben.
Wenn ich daran zurückdenke, dass wir es ins Finale geschafft haben, macht mich das einfach stolz, zumal wir im Finale so nah dran waren gegen die Niederländerinnen, gegen die es natürlich schwer ist zu gewinnen. Wir haben uns sehr gut verkauft. Auf dieser Medaille und dem zweiten Platz kann man aufbauen, zumal die Mannschaft noch nicht lange in der Konstellation zusammenspielt. Es war ein guter Start und es kann sich noch viel entwickeln über die nächsten Jahre.
Wenn du an dein jüngeres Ich denkst, hatte sie einen Traum, der ähnlich aussah, wie es jetzt mit deiner Nationalmannschaftskarriere gekommen ist?
Für mich war die Nationalmannschaft in weiter Ferne und jetzt ist sie Teil des Lebens, nachdem ich auch bereits in den U-Nationalmannschaften meine Erfahrungen sammeln konnte.
Die kleine Lilly hatte vor allem das Ziel, irgendwann mal Olympia zu spielen. Ich war zwar auch 2011 bei der Heim-WM im Hockeypark als Zuschauerin, aber eine EM in Mönchengladbach zu spielen konnte ich mir damals nicht ausmalen. Dementsprechend wäre das jüngere Ich sehr zufrieden.
Hattest du damals einen Lieblingsnationalspieler oder -spielerin?
Ich habe damals viel Herrenhockey geschaut mit Moritz Fürste und Christopher Zeller. Ihre Unterschriften habe ich auch noch. Bei den Damen fand ich Annika Sprink immer cool, als Innenverteidigerin, vor allem in der Zeit nach Rio. In der Zeit bin ich nach Düsseldorf gewechselt und genau in dem Jahr der Olympischen Spiele bin ich mit Selin, Lisa und Annika eingelaufen und habe direkt ein Foto gemacht. Das war für mich total verrückt und beeindruckend.
Kannst du kurz erzählen, wie du von deiner ersten Nominierung für die DANAS erfahren hast und wer die Spielerinnen waren, die dir den Einstieg erleichtert haben?
Wir hatten damals eigentlich einen Lehrgang mit der U21. Der war auch schon geplant und dann habe ich einen Anruf vom damaligen Bundestrainer bekommen mit der Frage, ob ich nicht am Wochenende Lust hätte für die DANAS zu spielen. Das war natürlich riesig und ich habe mich total gefreut.
In diesen Spielen hatten Pia (Anm. d. Red.: Pia Maertens) und Maike (Anm. d. Red.: Maike Schaunig) eine Führungsrolle und sie haben mich an die Hand genommen und mir gesagt, ich soll einfach mein Spiel spielen. Der Trainer hat mir auch ein gutes Gefühl gegeben und gesagt, ich soll Spaß haben. Meine ganze Familie war da und das war schon sehr besonders.
Du hast in den letzten Jahren viele Erfahrungen gesammelt, warst vergangenes Jahr als einzige Deutsche bei der Indian Hockey League, dort gleich den Titel gewonnen und hast nun den Schritt von Düsseldorf in die Niederlande vollzogen. Was kommt als Nächstes?
Das ist noch offen. Ursprünglich war mein Plan ins Ausland zu gehen, konkret in die Niederlande, dort meinen Master zu absolvieren, anschließend zurück zum DHC zu kommen und mich dann voll auf LA28 zu konzentrieren. Ich merke aber, dass mir die Zeit hier richtig guttut und ich stelle mir schon die Frage, ob ich nicht länger bleibe. Auch ein Vereinswechsel innerhalb der Hoofdklasse ist nicht ausgeschlossen. Dort stehe ich gerade und das möchte ich in der nächsten Zeit entscheiden. Hockey bietet einfach tolle Möglichkeiten im Ausland zu spielen, coole Menschen kennenzulernen und neue Erfahrungen zu sammeln. Es stellt sich aber auch die Frage, wo ich nach dem Ende des Studiums beruflich hinmöchte und im nächsten Schritt, wie sich der Berufsweg mit meiner Hockey-Karriere vereinbaren lässt. Ich bin allerdings mit meinem Studium breit aufgestellt und meine Priorität ist aktuell, wo will ich Hockey spielen? Der nächste Schritt ist herauszufinden, was ich beruflich machen möchte, denn leider kann man nicht nur Hockey spielen.
Gibt es einen Unterschied von deinem Leben in Deutschland zu dem in den Niederlanden?
Es ist ähnlich. Wir trainieren genauso viel, nur trainieren wir sogar früher am Tag. Das Training kollidiert dadurch oft mit der Uni. Das Balancieren von Uni und Training ist aber insofern genauso wie in Deutschland. Wir haben allerdings immer nur ein Spiel am Wochenende und die Entfernungen in den Niederlanden sind viel kürzer, sodass eine Auswärtsfahrt nach Hamburg nicht unbedingt ein ganzes Wochenende einnimmt.
Wie unterscheidet sich das Training bezogen auf Inhalte und Planung?
Wir spielen super viel in Trainingseinheiten. Wir haben die Einheiten in Düsseldorf auch immer damit gestartet uns einzuspielen, danach Torschussübungen. Hier spielen wir direkt 3 gegen 3, 2 gegen 3. Es wird so viel gespielt wie möglich. Nur wenn wir samstags spielen und die Freitagseinheit dementsprechend von der Intensität niedrig sein muss, gibt es Torschussübungen in Kombination mit einem Wettkampf.
Wir haben über deinen persönlichen nächsten Schritt geredet. Was ist in deinen Augen der nächste Schritt für die DANAS?
Aufgrund der weiten Entfernungen in Deutschland ist es schwierig gemeinsam zu trainieren. Ich denke, wir haben einen guten Kompromiss gefunden mit den DANAS-Days, bei denen wir viermal während der Bundesligasaison in den Regionen zusammen trainieren. Wir Spielerinnen aus dem Westen trainieren z.B. mit den Mannheimerinnen und die Hamburger Nationalspielerinnen trainieren zusammen. Die nächsten DANAS-Days möchten wir nutzen, um uns bestmöglich auf die nächsten Pro League-Spiele vorzubereiten. Wir müssen uns weiterentwickeln, um das Maximum herauszuholen, uns als Team weiter zu finden und eine gute WM zu spielen. Wir haben in meinen Augen keine leichte Gruppe bekommen, aber sie ist trotzdem machbar. Dafür müssen wir aber auch noch viel tun.
Wie siehst du deine Rolle im Team?
Dadurch, dass ich relativ lange schon bei den DANAS dabei bin und viele Lehrgänge mitgenommen habe, würde ich schon sagen, dass ich wahrscheinlich zu denen gehöre, die vorangehen können. Ich versuche durch gute Aktionen auf dem Spielfeld meinen Mitspielerinnen das Gefühl zu geben auch mutiger zu sein. Viel mehr Turniererfahrung als andere habe ich allerdings nicht gesammelt bis auf die EM 2025.
Ich glaube meine Verantwortung ist größer als in den letzten Jahren dadurch, dass auch nach der EM letztes Jahr Spielerinnen aufgehört haben. In diese Verantwortungsrolle versuche ich reinzuwachsen, vor allem auf dem Platz. Neben dem Platz versuche ich Lockerheit reinzubringen.
Du hast früher eher Innenverteidigung gespielt. Wann wurdest du eigentlich Außenverteidigerin?
In der Innenverteidigung habe ich angefangen, aber ich habe wirklich alle Positionen schon gespielt. Als ich in der Bundesliga angefangen habe zu spielen, hat mich unser Trainer in den Sturm gestellt. Dann bin ich im Mittelfeld über einen längeren Zeitraum aufgestellt worden. Am Anfang habe ich auf jeder Position mal gespielt. Als Janneke Schopman kam, habe ich im Mittelfeld gestartet. Schon während der ersten Pro League-Spiele sagte sie aber zu mir, sie sehe mich auf der Außenbahn. Im Verein habe ich auch ab und zu außen gespielt, das war aber eher aushilfsmäßig. Seit Anfang 2025 bin ich ungefähr auf dieser Position. Mittlerweile macht es mir auch richtig viel Spaß.
Du spielst manchmal rechts, manchmal links. Womit hängt das zusammen?
Das hängt mit dem Wechselrhythmus zusammen. Wir sind in einem Wechselrhythmus mit allen Außenverteidigern, dadurch landet man mal rechts und mal links. Das ist nicht statisch festgelegt.
Wie sehr profitierst du von dem Konkurrenzkampf auf den Außenverteidigerpositionen?
Sehr, allen ist bewusst, wie viele gute Spielerinnen für diese beiden Positionen infrage kommen und das Leistungsprinzip ist klar. Die, die es am besten macht, spielt. Dahin wollen wir alle kommen, gute Spiele machen und sich zeigen. Dieser Konkurrenzkampf macht uns allgemein aber alle besser.
Würdest du mitgehen zu sagen, dass dein Spiel vor allem von deiner Athletik profitiert?
Vieles von meiner Athletik ist auch genetisch, wie meine Ausdauer und meine Schnelligkeit. Ich arbeite auch daran, aber mein genetischer Vorteil hilft dabei mein Maximum herauszuholen. Ich würde auch mitgehen, dass meine Athletik eine meiner Stärken ist.
Wenn nicht Hockey, welche andere Sportart hättest du gerne ausgeübt?
Gute Frage, ich bin mit vielen verschiedenen Sportarten aufgewachsen. Meine Schwester und ich haben wirklich alles ausprobiert. Schwimmen, Turnen, Leichtathletik. Wahrscheinlich wäre ich auch in der Leichtathletik geblieben, weil mir das Spaß gemacht hat. Beim Hockey bin ich aber hängen geblieben und das war auf jeden Fall eine gute Entscheidung.
Was machst du gerne in deiner Freizeit?
Ich bin super gern draußen und treffe Freunde. Was ich jetzt vor allem in den letzten Jahren immer mehr gemacht habe, ist Golfen gehen. Zusammen mit meinem Freund habe ich die Platzreife gemacht. Wenn man sich nicht gerade über seine Schläge ärgert, ist das auch was Beruhigendes und ein Ausgleich zu dem, was ich sonst mache.
Ich gehe auch gerne zur Borussia ins Stadion und reise gerne, wenn die Zeit es zulässt. Einfach andere Orte kennenzulernen, mag ich gerne. Meine liebste Reise war im Januar der DANAS-Lehrgang in Südafrika. Ich war das erste Mal in Südafrika und fand es großartig. Das Essen war gut, die Menschen sehr freundlich und das hat mir gut gefallen.
Mit Blick auf das nächste Highlight des Kalenderjahres, der FIH Pro League in Berlin: Wie hast du das Ereignis letztes Jahr wahrgenommen? Und was verbindest du mit der Stadt persönlich?
Die Pro League in Berlin fand ich richtig toll. Das Wetter war gut und nach langer Zeit wieder in Deutschland die Pro League zu spielen war auch besonders. Dass wir da ein paar gute Punkte geholt haben, war natürlich wichtig.
Ich mag die Stadt, Berlin ist vielfältig und manchmal auch chaotisch, hat aber auch seine schönen Ecken.
Ich freue mich jetzt schon auf die diesjährige Pro League. Wenn das Wetter wieder mitspielt und wir bei den Autogrammstunden auf die Fans treffen, dann ist das was ganz Besonderes für DANAS und HONAMAS-Fans und uns.