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"Wir bilden Feldspieler konzeptionell extrem gut aus, aber Torhüter sollen Bälle halten"

Interview mit Jimi Lewis und Stephan Haumann zum neuen Torwart-Trainer-Lehrgang

 

22.10.2020 - Stephan Haumann, Landestrainer und Lehrreferent im HHV, hat in diesem Jahr zusammen mit dem Bundes-Torwarttrainer Jimi Lewis ein einmaliges Projekt gestartet: Die Ausbildung zum Torwart-Trainer. Die hamburghockey.de-Redaktion hat die Beiden in einem Interview gefragt, wie es dazu kam, was ihre Zielsetzung ist und wer diesen Lehrgang besuchen sollte.

 

 

 

 

Stephan und Jimi: Ihr habt ein neues Konzept für einen Leistungskurs Torwarttrainer(in) erarbeitet. Was hat Euch dazu motiviert? Was ist Euer Grundgedanke?


Jimi: Es gibt viele Trainer in Deutschland die einfach gerne mehr mit Torhütern trainieren würden, aber nicht wissen, wie sie dies konzeptionell angehen sollen. Zudem fehlt vielen Trainern schlicht das Wissen über diese Position des „Torhüters“, die sich ja grundlegend von allen anderen Positionen unterscheidet. Ich werde ganz oft gefragt: „Jimi, wo kann ich mehr über Torhüter-Training erfahren?“ – und darauf muss ich einfach oft antworten: „So viele Quellen gibt es da leider nicht.“


Stephan: Es gibt auch einige Trainer, die sich auf das Torwarttraining spezialisieren wollen. Diese haben aber in unserem System bisher überhaupt keine Möglichkeit dazu und es ist für einen einfachen Clubtrainer sehr schwierig an Fachliteratur zu kommen. Gleichzeitig sehen wir in anderen Sportarten, dass diese Positionsspezifische Trainerausbildung extrem erfolgreich ist und sehr gut angenommen wird. Wir glauben einfach, dass es enormen Bedarf an unserem Angebot gibt.
 

Wir haben viele gute Torhüter in Deutschland. Es muss also vieles richtig gelaufen sein. Wo seht Ihr hier aber noch Verbesserungspotential?


Jimi: Es gibt viele gute Torhüter, das stimmt, aber wir haben wenige, fast gar keine, „Weltklasse-Torhüter“. Die wenigen deutschen Torhüterinnen und Torhüter, die Weltklasse waren, waren absolute Ausnahmetalente. Wir bilden Feldspieler konzeptionell extrem gut aus, aber Torhüter sollen „Bälle halten“. So einfach funktioniert das nicht mehr. Das Torhüter-Spiel hat sich entwickelt und das Wissen darüber müssen wir transportieren.


Stephan: Man könnte ja auch anders heran gehen und sagen, dass es so viele gute Torhüter gibt, obwohl der Wissenstransfer im Trainerbereich so ausbaufähig ist. Wo würden wir stehen, wenn es hier optimal laufen würde?


Das Torwartspiel hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Was macht das moderne Torwartspiel für Euch aus?


Jimi: Die Zeiten sind schon lange vorbei, zu denen der große und unathletische Typ ins Tor ging – das hat sich ja schon herumgesprochen. Das Spiel ist ultra schnell geworden und die Torhüter müssen mit der höheren Handlungsschnelligkeit der Stürmer mindestens mithalten können. Vom Konzept bzw. von der Taktik her kann man sagen, dass die Torhüter heute viel mehr auf der Linie stehen bleiben und diese nur noch im Notfall verlassen, um den Torraum zu beherrschen. Das war früher definitiv anders. Und natürlich hat sich auch was im Torschussverhalten verändert: Rund 70% aller Tore werden aus der „Box“, also dem Bereich direkt vor dem Tor, geschossen. Hierfür braucht der Torwart von heute ein starkes Gegenkonzept. Auch die Eckendefensive hat sich enorm geändert: Die Kinder fangen viel früher an zu schlenzen. PSO’s gab es früher überhaupt nicht – heute entscheiden Penaltys aber über olympische Medaillen. Ich könnte so weiter machen.


Stephan: Natürlich hat sich ganz viel im Laufe der Jahre geändert. Eine Sportart ist immer im Fluss und Hockey ganz besonders. Das macht es ja gerade so spannend. Es gibt ja ehemalige Hockey-Bundestrainer, die sich ja bereits nach ein bis zwei Jahren ohne Hockey fachlich nicht mehr äußern wollten, weil sie das Gefühl hatten zu weit von den aktuellen Entwicklungen entfernt zu sein und erst mal „wieder reinkommen“ müssten. Solche Aussagen kommen ja auch nicht von ungefähr.
 

Das heißt natürlich auch, dass das Torwarttraining viel komplexer und umfangreicher geworden ist. Welche Themenschwerpunkte sind Euch im Lehrgang wichtig?


Stephan: Wir haben grundsätzlich eine Aufteilung in zwei Tageslehrgänge. Im ersten Lehrgang war uns vor allem der Fokus auf die Grundtechniken zur Torschussabwehr wichtig, die Philosophie des Torwart-Spiels und des Torwart-Trainers, das Stellungsspiel und der Transfer in ein angepasstes altersspezifisches Training.


Jimi: Im zweiten Teil werden wir uns mehr auf das Training konzentrieren, also Fragestellungen wie „Wie baue ich ein gutes TW-Training auf?“ und „Wie baue ich einen Torhüter im Team-Training ein?“. Zudem ist „Athletik“ ein ganz wichtiger Punkt: Ein Torhüter braucht einfach grundsätzlich eine andere athletische Ausbildung als ein Feldspieler, das klingt erstmal logisch, muss aber in die Köpfe rein, wenn wir wirklich positionsspezifisch ausbilden wollen.


Was macht einen guten Torwarttrainer aus?


Jimi: Ein guter Torwarttrainer muss ein klares Konzept haben. Zudem braucht er ein gutes Auge, im Sinne von einem erfahrenen Auge, um Fehler erkennen und verbessern zu können. Das geht nur durch Übung. Natürlich muss man auch flexibel in seinen Gedanken und Methoden sein: Jeder Torhüter ist anders und es muss ständig individuell auf den jeweiligen Torhüter eingegangen werden. Der eine Torhüter ist über zwei Meter groß und der muss natürlich was anderes trainieren als der, der 1,70m groß ist. Mal einen Ball selbst schlagen und/oder werfen zu können, kann natürlich auch nicht schaden. Ich kann jetzt als Torwarttrainer mit Sicherheit besser Schlagen als in meiner gesamten aktiven Karriere [lacht].


Stephan: Am Ende muss ja auch das Team „Cheftrainer-Torwarttrainer“ funktionieren. Der Cheftrainer muss vor allem Vertrauen in den Torwarttrainer haben. Der Nährboden dieses Vertrauens ist in erster Linie einmal eine fundierte Fachkompetenz. Und genau das wollen wir ja den angehenden Torwarttrainern vermitteln.


Jimi, Du standst selber jahrelang als Nationalspieler für England und Großbritannien zwischen den Pfosten. Was für ein Torwart-Typ warst Du? Eher zurückhaltend oder laut dirigierend?


Jimi: [lacht] Ich war sicher nicht der zurückhaltende Typ. Meiner Meinung nach gibt es zwei Torwart-Typen: Den Verrückten und den Wissenschaftler – ich war sicher der Verrückte. Ich war sehr laut und habe mein Team und gerade die Defensive immer lautstark unterstützt. Ich bin zudem nicht der allergrößte und wollte dies durch Schnelligkeit und Agilität ausgleichen, daher habe ich auch nur die nötigsten Ausrüstungen getragen – ich habe z.B. immer komplett ohne Armschutz gespielt. Ich war technisch sehr stark und hatte sehr gute Reaktionen, das kam mir immer entgegen. Ich bin auch etwas stolz darauf, dass die britischen Torhüter heute immer noch mit dem von mir entwickelten Spielstil ausgebildet werden.


Ab welcher Altersklasse ist spezifisches Torwarttraining überhaupt sinnvoll?


Jimi: Grundsätzlich sage ich immer Knaben- und Mädchen-B. Aber das liegt natürlich auch daran, dass oft erst in dieser Altersklasse die Position des Torhüters klar ist. Ich selbst wusste schon immer, dass ich ins Tor wollte und es gibt viele Kinder, bei denen ist es genauso. In solchen Fällen ist natürlich ein Training ab Knaben- und Mädchen-C auch schon sinnvoll.


Stephan: Es ist am Ende wie mit allen Positionen: Eine möglichst breite Grundausbildung kann einfach nicht schaden bevor eine Spezialisierung einsetzt. Dies ist aus sportwissenschaftlichen Gründen sinnvoll, aber auch aus Sicht der Verletzungsprävention. Was man aber auch nicht außer Acht lassen darf ist die Begeisterung für die Position des Torwartes, die mit der entgegengebrachten Wertschätzung beginnt: Werden im Training nur die Feldspieler berücksichtigt und der Torhüter ist das dritte Rad am Wagen? Oder gibt es für die Torhüter ein eigenes Programm, ein individuelles Training, eine Torwart-Community im Club. In welchem Kontext entwickelt ein Kind mehr Begeisterung für die Position?


Wer kann an der Schulung teilnehmen?


Stephan: Zunächst einmal richtet sich die Schulung an alle interessierten Trainerinnen und Trainer. Man muss auf keinen Fall selbst Torwart gewesen sein, um an der Ausbildung teilzunehmen. Es reicht das aufrichtige Interesse an dem Thema und der Wunsch, das eigene Training in diesem Bereich verbessern zu wollen – egal ob Trainer-Anfänger oder alter Hase.


Wie ist die Ausbildung zum Torwart-Trainer aufgebaut? Welche Lizenz habe ich dann?


Stephan: Unser Lehrgang besteht aus zwei ganztägigen Seminartagen, die ganz bewusst einige Wochen auseinander liegen. Grundsätzlich kann man beide Tage getrennt voneinander besuchen. Unser Ziel ist aber eine bundeseinheitliche Lizenzstufe für diesen Bereich bereitzustellen. Im Moment schließt unsere Ausbildung noch mit dem Zertifikat „Torwarttrainer des Hamburger Hockey-Verbandes“ ab, wir haben aber sehr viele positive Signale vom DHB bekommen, dass es bald so etwas wie einen „C-Torwarttrainer“ geben kann. Dies wäre dann eine Erweiterung der regulären C-Trainer Lizenz, die gleichzeitig aber auch die Basis wäre.


Gibt es am Ende eine Prüfung?


Jimi: Ja, gibt es.


Stephan: Genau. Wir wollen und müssen den „Lernfortschritt“ in einer Prüfungsform abfragen, um sowohl eine gewisse Wertigkeit in die Ausbildung zu bekommen, zum anderen aber auch den Anforderungen des DHB und des DOSB gerecht zu werden. Im Moment gibt es aber noch die Möglichkeit, die Seminare auch ohne diese Prüfung zu buchen. In diesem Fall würde man dann den Lehrgang als Verlängerung für eine bestehende Trainerlizenz angerechnet bekommen, nicht allerdings die Ausbildung zum „Torwarttrainer des Hamburger Hockey-Verbandes“ abschließen.


Der erste Lehrgang war voll und es gibt bereits Wartelisten. Wollt Ihr das Angebot ausbauen?
 

Jimi: Unbedingt! Ich möchte auch noch einmal sagen, dass ich Stephan und dem Hamburger Hockey-Verband sehr dankbar für diese einzigartige Möglichkeit. Ich wollte solch ein Angebot bereits seit Jahren schaffen und bin sehr froh und dankbar, dass Stephan und ich uns gefunden haben und die Sache zusammen aufziehen. Als Bundes-Torwarttrainer des DHB habe ich natürlich ein enormes Interesse, dass wir diese Ausbildung auch über die Grenzen von Hamburg weiter ausbauen und etablieren und bundesweit Trainer zu „Torwarttrainern“ aus- und weiterbilden.


Stephan: Den Dank gebe ich gerne zurück. Bei der Ausarbeitung des Curriculums haben wir immer wieder darauf geachtet, dass die Ausbildung weder Standort- noch Personenabhängig ist. Gleichzeitig sind wir beide auch extrem offen für Input seitens des DHB um eine bundesweite Ausbildung zu starten. Natürlich wünsche ich mir auch einen Mehrwert für die Hamburger Trainer und freue mich auch gleichzeitig, dass wir diese Ausbildung in Hamburg starten konnten. Gleichzeitig muss aber natürlich der Anspruch sein, dass eine solche Ausbildung einen bundesweiten Stellenwert bekommt. Hier glauben wir, dass wir einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung gemacht haben und hoffen, dass der Faden aufgenommen wird.
 

Vielen Dank für das Interview.

 

 

 
5. Dezember 2020
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